Der alte Mann und das ...

Wie eine Bootsfahrt mein Leben beeinflusste





Im Jahr 2000 war ich zu einem Kongress in New York City und nutzte die Gelegenheit, nach dem Kongress zwei Verwandtenbesuche zu tätigen.

Zuerst flog ich von New York City über Atlanta nach Augusta, wo meine Tante, die Schwester meiner verstorbenen Mutter, und mein Onkel lebten. Es war kurz vor dem bekannten Augusta PGA Golfturnier, und man konnte die ganzen Weltklassegolfer an einem Ort versammelt sehen.

Ich blieb nur eine Nacht bei meiner Tante und meinem Onkel, da ich am nächsten Tag nach Tampa, weiterfliegen musste. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend miteinander und tauschten Familientratsch aus.

Es war mir nicht bewusst, dass es das letzte Mal sein sollte, dass ich meinen Onkel lebend gesehen habe. Kurz darauf kam er wegen einer Überprüfung seiner Bypässe ins Krankenhaus und zog sich eine Infektion mit einem Krankenhauskeim zu, der er nach nur wenigen Tagen erlag.

In Tampa wollte ich mich mit einem entfernt verwandten Ehepaar treffen, dem ich noch nie in meinem Leben begegnet war. Beide waren schon über 80 und ich fragte mich, wie das Treffen wohl verlaufen würde. Es war geplant, dass ich drei Tage bei ihnen bleiben würde und dann über Miami nach Frankfurt reisen würde. Ich weiß nicht, ob Ihr das kennt, wenn man bei jemandem übernachten soll, den man zuvor niemals getroffen hat. Mir war das unangenehm, aber die beiden hatten darauf bestanden, dass ich bei ihnen bleiben solle, als ich ihnen meine Hoteladresse geben wollte. Also habe ich kurz überlegt und entschied mich dann doch dafür, bei den beiden zu wohnen.

In Tampa am Flughafen nahmen sie mich dann in Empfang, ein ungewöhnlich kleiner Mann, tief gebeugt und eine aufrechte Dame, die ihn fast um einen Kopf überragte und der man noch ansah, dass sie einst eine wunderschöne junge Frau gewesen war. Auch jetzt noch, mit über achtzig, wirkte sie elegant und noch überaus agil. Sie stellten sich als Sonny und Lizzie vor und entsprachen, bis auf den Größenunterschied dem typischen, wohlhabenden Rentnerehepaar in Florida.

Sie lebten nicht in Tampa, sondern in Clearwater und wir fuhren mit ihrem Wagen, einem schönen, leicht in die Jahre gekommenen, aber extrem gut gepflegten Cadillac, über den W Courtney Campbell Causeway, Richtung Clearwater. Der Causeway führte auf einem schmalen Damm geradewegs durch die Tampa Bay und es war ein sonniger Tag. Das blaue, zum Teil türkisfarbene Wasser, glitzerte im Sonnenschein und die Palmen wiegten sich leicht im Wind. Ich fühlte mich während der Fahrt wie im Urlaub und wir plauderten über die wunderschöne Gegend und sie fragten mich auch über Deutschland aus, das sie zum letzten Mal in den Siebzigern besucht hatten. Als wir durch Clearwater fuhren, erzählten sie mir, dass die Stadt das Hauptquartier von Scientology sei, und sie zeigten mir das Hauptgebäude der Sekte und als wir endlich bei ihrem Haus ankamen, dass alle Häuser dort inzwischen von hochrangigen Scientologen aufgekauft worden waren und sie und ihr direkter Nachbar die letzten Bewohner im Viertel seien, die nicht der Sekte angehörten.

Man machte ihnen auch immer wieder Druck und versuchte sie mit versteckten Drohungen, zum Verkauf zu bewegen. Aber Sonny, der in Guadalcanal gekämpft hatte, sagte dass da andere Kaliber, kommen müssten, um ihn zu vertreiben. Aus dem Munde eines gebeugten, kleinen Achtzigers wirkte das ein wenig seltsam, aber ich sollte in den kommenden drei Tagen noch lernen, dass man diesen Mann besser nicht unterschätzen sollte.

Das Haus der beiden lag direkt an der Clearwater Bay und wenn man aus den übergroßen Fenstern des Living Rooms schaute, lag die blauglitzernde Bay und Clearwater Point im Blickfeld. Der Ausblick war einfach atemberaubend. Ich sagte zu Lizzie, dass ich wirklich beeindruckt wäre, und sie erwiderte nur, dass manche Besucher sagen würden, dass sie lebten, wo andere Urlaub machten. Schnell ergänzte sie noch: “Wir würden eigentlich lieber in den Bergen wohnen!“ Ich wusste in diesem Moment nicht, ob das ernst gemeint oder einfach nur ein Scherz war.


Übernachten durfte ich im ehemaligen Kinderzimmer ihrer Tochter, was ich lustig fand, da es eindeutig das Zimmer eines amerikanischen Teenagermädchens war. Es wirkte, wie aus einer Sarah Kay Szene aber seltsamerweise fühlte ich mich darin wirklich sehr wohl. Ich bekam noch die obligatorische Spätmahlzeit der Amerikaner für Gäste: Cookies und Milch und ging dann auch sehr früh Schlafen.

Wer schon einmal in einem amerikanischen Haus zu Gast war, dem wird sicherlich aufgefallen sein, dass man von der ersten Stunde an fast gar nicht mehr als Gast, sondern als Haushaltsmitglied angesehen wird. Das zeigt sich z.B. darin, dass es üblicherweise kein gemeinsames Frühstück gibt und jeder sich einfach etwas zu essen macht. Nur Kaffee brodelt immer in der Maschine.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, duschte ich, ging in die Küche und nahm mir einen Kaffee. Mit der Tasse in der Hand, machte ich mich auf die Suche nach meinen Gastgebern, die nirgends zu sehen waren. Lizzie fand ich in ihrem Arbeitszimmer, vor ihrem quietschbunten IMac. Im Jahr 2000 war es noch recht ungewöhnlich, über 80-Jährige an einem Computer zu sehen und schon gar nicht an einem IMac. Lizzie war damals schon eine eifrige Emailschreiberin und sie hatte mit mir den Besuch komplett über AOL geplant.

Sie begrüßte mich mit einem breiten Lächeln und sagte „Hi, wie geht es Dir heute? Sonny ist im Bootshaus und bereitet das Motorboot vor. Er möchte nach dem Lunch mit Dir in die Bay hinausfahren. Es wird ein wunderschöner Tag.“


Zum Lunch fuhren wir dann nach St.Petersburg, wo wir in einem rustikalen Restaurant Cajun-Küche aßen. Cajun waren die frühen französischen Siedler in der Louisiana Region, die eine einfache, ländliche Kost bevorzugten. Mit der Zeit bereicherten allerlei Einflüsse anderer Siedlergruppen und afrikanischstämmiger Menschen diese Küche. Die „Holy Trinity“ der Küche bilden Gemüsepaprika, Zwiebeln und Staudensellerie.

Dazu eine besondere Gravy, also braune Sauce, Tabasco und andere scharfe Tinkturen. Fleisch und Seafood wird gerne blackened zubereitet, also sehr scharf angebraten. Gut durch gemischt gibt das dann Gerichte wie „Jambalaya“ oder das der Bouillabaise verwandte „Gumbo“. Also eine sehr würzige und fabelhaft schmeckende Küche, für mich ähnlich dem Soulfood der schwarzen Bevölkerung im Süden

der USA. Essen, das glücklich macht - Soul Food! Wer die Meinung vertritt, dass die amerikanische Küche nur aus Hot Dogs und Hamburgern besteht, hat wahrscheinlich noch niemals in einer richtigen amerikanischen Familie gegessen.

Das Lieblingsessen meiner Verwandten in Georgia ist „Low Country Boil“, was mehr ein Familienhappening als einem normalen Essen ähnelt. In einem riesigen hohen Topf werden Sweetpotatoes, Schrimps, halbe Maiskolben und Krakauer Wurst (eine polnisch-amerikanische Variante) gekocht. Dazu kommt eine Würzmischung, die ein Familiengeheimnis ist. Während das ganze köchelt, werden auf den Tischen Papiertischtücher ausgelegt. Wenn das Ganze fertig ist, wird der Topf auf den Tischen ausgeschüttet. Und dann wird sich kräftig bedient. Dazu gibt es Eistee und Bier. Manchmal gibt es zusätzlich auch kross gebratenen Monkfish dazu, eine Welsart.

Während des Essens erzählten mir Lizzie und Sonny, dass sie sich in Heidelberg kennen gelernt hatten. Beide waren nach dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren in Heidelberg mit den US-Streitkräften stationiert. Sonny hatte im Krieg im Pazifik gedient und war Teilnehmer einer der schlimmsten Phasen dieses Kriegsschauplatzes, dem „Island Hopping“, einschließlich Guadalcanal. Er war wohl auch in seiner Jugend ein drahtiger, kleiner Kerl gewesen, der niemals aufgab und einen unbändigen Überlebenswillen besaß. Woher er diesen Überlebenswillen hatte, erzählte er mir dann später am Nachmittag auf dem Boot.


Jedenfalls war er als Private also Gefreiter in den Krieg gezogen und als er dann in den fünfzigern in Deutschland war, zum Captain aufgestiegen. Lizzie war ein junger weiblicher Lieutenant und arbeitete mit Sonny zusammen. Sie verrieten mir nicht, was ihre Aufgabe war, aber aus den Erzählungen konnte man heraushören, dass es sich wohl um einen „Intelligence Job“ handelte, also geheimdienstliche Aufgaben.

Sonny fand Lizzie einfach fabelhaft und sie konnte ihn, den kleinen Angeber einfach nicht leiden. Aber Sonny gab nicht auf und zum Ende ihrer beider Dienstzeit in Deutschland, hatte sie sich doch in ihn verliebt und die beiden heirateten und adoptierten zwei deutsche Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen.

Wenn man die beiden so sah, konnte man sich nicht vorstellen, dass sie sich jemals nicht geliebt hatten. Sie strahlten eine umfassende Harmonie aus, die einem, wenn man ihnen begegnete, einfach gefangen nahm. Das perfekte, alte Paar, das sich gegenseitig die Wünsche von den Augen ablas.

Plötzlich wurde mir klar, dass auch meine Tante und mein Onkel in Augusta, diese tiefe Verbundenheit ausstrahlten, wie Lizzie und Sonny. Hatten die beiden Paare das Rezept für eine glückliche Ehe herausgefunden?

Am späten Nachmittag gingen wir hinaus in den Garten, an dessen Ende das Bootshaus und das Ufer zur Bay lag. Es war wirklich eine Atmosphäre wie im Urlaub. Sonny und ich ließen das Motorboot ins Wasser hinab, das er zuvor am Morgen noch gecheckt hatte. Es glitt sanft ins Wasser und als Sonny den Motor gestartet hatte, glitten wir gemächlich in die Bay hinaus. Als wir ungefähr 300 Meter vom Ufer entfernt waren, gab Sonny Gas und nun hüpften wir über die Wellen und der Fahrtwind brauste uns um die Ohren, während die Sonne Floridas auf uns hinab schien, nicht mehr ganz so stark wie gegen mittag, aber immer noch durchaus noch kräftig. Wir steuerten auf Clearwater Point zu und glitten an Clearwater Pass vorbei in den Golf von Mexico.



Sonny steuerte das Boot entlang dem Strand von Clearwater Beach und stoppte dann. Wir tranken aus den mitgebrachten Wasserflaschen und dann begann er zu erzählen.





Sonny war das Kind einer deutsch-polnischen Familie in Brooklyn. Seine Familie war arm und er hatte viele Geschwister, wie das früher eben so üblich war, in den Einwanderervierteln New Yorks. Er war das mittlere Kind und da die Eltern keine Zeit für ihn und die anderen Kinder hatten, waren seine Freunde die wichtigsten Kontaktpersonen und Leitbilder für ihn. Er wusste nur eins: Ein Leben wie seine Eltern wollte er nicht führen. Aber das wollten seine Freunde alle nicht und sie träumten gemeinsam den amerikanischen Traum von Wohlstand und Glück.

Sie suchten aber nicht nur nach dem amerikanischen Traum, sondern auch nach einer Abkürzung auf diesem Weg. Sie sahen, wie ihre Eltern über die Schufterei immer kränker und auch immer ärmer wurden. Und so dauerte es nicht lange, bis ein Freund Sonnys auf die brillante Idee kam, dass man mit ein wenig Glück und Geschicklichkeit, schnell zu Reichtum kommen konnte. Es fing mit kleinen Diebstählen an und nachdem Sonny ein paar Mal erwischt worden war, landete er schließlich auch im Gefängnis. Nicht lange, aber lange genug, um Jungs kennen zu lernen, die sich nicht mit Diebstählen und kleinen Betrügereien abgaben, sondern richtige Einbrüche in wohlhabenden Gegenden und auch Raubüberfälle begingen. Sonny wurde mit fünfzehn Mitglied einer richtigen Brooklyner Gang.



Als am 7. Dezember 1941, Japan die Pazifikflotte der USA in Pearl Harbour angriff, war der 19-jährige Sonny gerade wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen worden. Der Aufenthalt hatte ihn zum Nachdenken gebracht und es wurde ihm immer mehr klar, dass er auf dem eingeschlagenen Weg nicht sein Glück finden würde.

Den Angriff auf Pearl Harbour nahm er mit gemischten Gefühlen auf. Einerseits regte sich irgendwie ein patriotisches Gefühl in ihm und er wollte Japan bekämpfen, andererseits war er gewohnt nur an sich selbst zu denken und scheute davor zurück, sein Leben für eine „ungerechte“ Gesellschaft aufs Spiel zu setzen, die ihn immer wieder ins Gefängnis warf , nur weil er auch sein Stück vom Glück haben wollte  -  so sah er das damals. Aber es mischte sich noch etwas anderes in sein Gefühlschaos. Es glomm da ein Funke in ihm, möglicherweise seine gute Seite, die ihm leise ins Ohr flüsterte, dass diese Situation eine Chance für ihn sein könnte, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Sonny erklärte mir, dass er in diesem Moment die Entscheidung traf, sich freiwillig zu den US Marines zu melden. Ganz leise hatte er die Hoffnung, das bisher Geschehene zu tilgen und ein neues Leben beginnen zu können.

Und so kam es, dass Sonny, als frisch gebackener Private First Class, im August 1942 in einem Landungsboot der US Marines, auf die Salomonen Insel Guadalcanal zusteuerte. Er wusste nicht, was ihn hier bis Februar 1943 erwarten würde  -  nämlich eine Militäroperation, mit einem hohen Blutzoll.


Auf Wikipedia(US) liest sich das in etwa so: Die Schlacht von Guadalcanal unter dem Codenamen Operation Watchtower, war eine militärische Kampagne zwischen dem 7. August 1942 und dem 9. Februar 1943 auf und um die Insel Guadalcanal am pazifischen Schauplatz des Zweiten Weltkriegs. Es war die erste große Landoffensive der alliierten Streitkräfte gegen das Kaiserreich Japan.

Am 7. August 1942 landeten alliierte Streitkräfte, vorwiegend Marines der Vereinigten Staaten, auf Guadalcanal, Tulagi und Florida auf den südlichen Salomonen mit dem Ziel, Guadalcanal und Tulagi als Stützpunkte für eine Kampagne zu nutzen, um schließlich den großen japanischen Stützpunkt Rabaul auf Neubritannien einzunehmen oder zu neutralisieren. Die japanischen Verteidiger, die diese Inseln seit Mai 1942 besetzt hielten, waren zahlenmäßig unterlegen und wurden von den Alliierten überwältigt, die Tulagi und Florida sowie den im Bau befindlichen Flugplatz - später Henderson Field genannt - auf Guadalcanal einnahmen.

Überrascht von der alliierten Offensive, unternahmen die Japaner zwischen August und November mehrere Versuche, Henderson Field zurückzuerobern. Drei große Landgefechte, sieben große Seeschlachten (fünf nächtliche Überwassergefechte und zwei Trägergefechte) und fast tägliche Luftkämpfe gipfelten Anfang November in der entscheidenden Seeschlacht von Guadalcanal, in der der letzte japanische Versuch, Henderson Field von der See aus zu bombardieren und genügend Truppen zu landen, um es zurückzuerobern, gescheitert war. Im Dezember gaben die Japaner ihre Bemühungen auf, Guadalcanal zurückzuerobern, und evakuierten ihre verbliebenen Truppen bis zum 7. Februar 1943 angesichts einer Offensive des XIV Corps der U.S. Army, wobei die Schlacht von Rennell Island, das letzte große Seegefecht, dazu diente, den japanischen Truppen Schutz zu gewähren, damit sie sicher evakuiert werden konnten.


Für die Soldaten beider Seiten fühlte sich das jedoch nicht so abstrakt an, wie in dem o.g. Beitrag. Wie in jedem Krieg sind die Soldaten gezwungen zu töten, um nicht selbst getötet zu werden, und für alle Kriegsteilnehmer, egal welcher Seite, mit denen ich im Laufe des Lebens persönlich gesprochen habe, war das keine Freude und im späteren Leben eine fürchterliche Last.


Sonny wurde, während seiner Zeit im Pazifik, mehrfach verwundet und erkrankte an Denque Fieber, das er als Bonebreaker Fever bezeichete und als die schlimmsten Kopf- und Gliederschmerzen beschrieb, die er je im Leben hatte. Sein Überlebenswille und seine harte Schule in einer Gang in Brooklyn, halfen ihm jedoch, zu überleben. Zu überleben bis hin zur Schlacht von „Iwo Jima“ und bis zum endgültigen Sieg der Alliierten.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Leistungen im Einsatz wurde er in ein Offiziersprogramm aufgenommen und als er in den 50er Jahren nach Deutschland versetzt wurde, hatte er bereits den Rang eines Captains erlangt. Aus dem kriminellen Straßenjungen war ein geachtetes Mitglied der amerikanischen Gesellschaft geworden.

Eines Tages war er mit einem befreundeten Offizier auf einem freien Feld in der Nähe Heidelbergs spazieren, als beide von einem Blitz getroffen wurden. Sonny beschrieb mir den Moment, als wenn die Zeit still stehen würde und er von einem gleißenden Licht umfangen war. Dann nur noch Schwärze und Stille.

Als er wieder aufwachte, befand er sich im amerikanischen Militärhospital in Heidelberg und sein ganzer Körper schmerzte. Das schlimmste war aber die Tatsache, dass er blind war. Zum ersten Mal im Leben verließ ihn sein Lebenswille und sein Mut. Wie sollte er als Blinder weiterleben? Seine Karriere als Offizier war damit eindeutig beendet. Und etwas anderes hatte er nicht gelernt. Sollten all seine Mühen und Opfer umsonst gewesen sein? Würde er wieder zurückfallen in ein Leben in Armut?

Doch manchmal gewährt einem Gott oder das Leben eine Auszeit, um über den eigenen Weg nachzudenken, den man in Zukunft gehen möchte. Und Sonny dachte in dieser Zeit, viel über sein Leben nach. Die Jugendjahre in Brooklyn als Gangmitglied und Kleinkrimineller, der Pazifikkrieg, Guadalcanal, Iwo Jima, an all seine Kameraden, die er auf dem Schlachtfeld verloren hatte. Und nicht zuletzt die Menschen, die er im Krieg getötet hatte. Die Feinde, die Japaner, die jungen Männer, die ebenso todesmutig wie er auf ihn zugestürmt kamen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben. Als er damals einen der jungen Männer, die er getötet hatte, nach Wertsachen und Souvenirs absuchte, fand er ein Bild des Toten mit einer jungen Frau, die ein Baby auf dem Arm hielt. Offensichtlich war der Soldat vor kurzem Vater geworden. Und nun lag er hier im Dreck einer Salomoneninsel, fern seiner Heimat und seiner Familie, mit mehreren Einschusslöchern. Und seine Familie wusste nicht, dass er hier elendig zugrunde gegangen war. Das erste Mal kamen in Sonny Zweifel auf, ob seine Feinde wirklich seine Feinde waren. Und nun im Hospital musste er wieder an diesen jungen japanischen Familienvater denken, den er getötet hatte. Eine Beklemmung kam in ihm auf. Und der Gedanke, dass es immer die jungen Männer waren, die die Fehler der alten Männer in Washington DC oder Tokyo ausbaden mussten. Er sah das Gesicht des jungen Mannes wieder vor sich, sehr klar und er dachte, dass sie in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben hätten Freunde sein können.

Und Sonny dachte an die Mitglieder seiner Gang, die allesamt entweder schon tot waren, bei einem ihrer Verbrechen, erwischt und niedergestreckt, oder im Gefängnis. Warum war die Geschichte dieser armen, jungen Männer immer vorgezeichnet. Warum starben sie auf den Straßen oder den Schlachtfeldern. Warum war das ihr Schicksal?

Sonny betete zu Gott, dass er ihm sein Augenlicht wieder schenken solle. Als „Gegenleistung“ würde er sich nach seiner Militärzeit, um jugendliche und junge Männer kümmern, die drohten auf die schiefe Bahn zu kommen. Er hatte nicht den blassesten Dunst einer Ahnung, wie er das anstellen sollte, aber er wusste plötzlich, dass das der Sinn seines Lebens, seines Überlebens in den Straßen von New York und seines Überlebens im Pazifik, werden könnte. Es sollte der Sinn sein, der nach dem Blitzschlag seinem Leben eine Wende zum wirklich Guten, Sinnvollen, geben sollte.

Am nächsten Tag konnte Sonny wieder einen leichten Lichtschein erkennen und nach einigen Tagen, hatte er sein Augenlicht zurück.

Von diesem Zeitpunkt an nahm er seine Rolle als Offizier anders wahr und versuchte Einfluss auf das Leben junger Soldaten zu nehmen, die drohten vom rechten Weg abzukommen.

Es war die Zeit, in der so langsam Drogen zu einem ernsthaften Problem in den Streitkräften wurde und er nahm die Herausforderung an und versuchte etwas dagegen zu tun.

Zwischenzeitlich hatte er Lizzie kennen gelernt und sich in sie verliebt. Als sie sich zum ersten Mal trafen, wusste er, dass sie sein Soulmate ist, und er hielt damit nicht hinter dem Berg. Er sagte es ihr bei ihrer ersten Begegnung direkt und geradeheraus ins Gesicht: „Lieutenant Mueller, ich werde Sie heiraten.“

Lizzie erzählte mir später, dass sie ihn für komplett verrückt hielt und er auch gar nicht ihr Typ war. Sonny war ja nie besonders groß gewesen, aber durch den Blitzschlag hatte er noch einmal an Körpergröße verloren und von nun an, lief er immer ein wenig gebückt. Deshalb war Lizzie zeitlebens immer fast einen Kopf größer als Sonny. Außerdem war er seit dem Blitzschlag auf dem rechten Ohr taub. Auf meine Frage hin, warum sie ihn dann doch geheiratet hat, sagte sie: „Sonny war kein Adonis, aber er war ein lustiger Kerl. Er hatte wahnsinnig viel Humor und brachte mich ständig zum lachen. Ausserdem fand ich schnell heraus, dass er ein richtig gutes Herz hatte. Na, und ausserdem hat er einfach nicht aufgeben wollen. Manchmal denke ich, ich wollte einfach nur, dass er aufhört mir so hartnäckig den Hof zu machen.“ Dann schaute sie hinaus auf die Bay, als sähe sie dort die tatsächliche Antwort. Dann drehte sie mir das Gesicht zu und lächelte, als sie mich ansah:“Verdammt, die Wahrheit ist, dass ich ihn unendlich liebe und nicht weiß warum?“

Als sie geheiratet hatten, stellte sich heraus, dass der Blitz weitere Schäden angerichtet hat. Lizzie und Sonny konnten keine Kinder bekommen. Aber die beiden wären nicht die Menschen gewesen, die sie waren, wenn sie auch auf diese Herausforderung keine Antwort gefunden hätten. Sie adoptierten zwei deutsche Kriegswaisen und nahmen sie mit zurück in die USA.

Als Sonny´s Dienstzeit zu Ende war, kauften die beiden das Haus an der Clearwater Bay und Sonny schrieb sich an der University of Florida ein und schloss sein Studium mit einem Master in Geschichte und Englisch ab. In seinem Kopf war zwischenzeitlich der Plan gereift, Lehrer zu werden. So wollte er das zurückgeben, was er vom Leben erhalten hatte und möglichst vielen jungen Menschen dabei helfen einen guten Weg im Leben zu finden.

Aber Sonny wäre nicht Sonny gewesen, wenn er es sich so leicht gemacht hätte. Er schaute sich in seiner Gegend um, um herauszufinden, welche Schule die „schlimmste“ sei. Also die Schule, auf die besonders viele arme Kinder gingen, die Schule mit der meisten Gewalt und die Schule, die die meisten Analphabeten ins Leben entließ. Und genau an dieser Schule unterrichtete die Jahre bis zu seiner Pensionierung und versuchte, möglichst vielen Kids aus dem Kreislauf von Armut, Hoffnungslosigkeit, Drogen und Kriminalität zu helfen.

Warum aber hält das Leben gerade auch für Menschen wie Sonny, fürchterliche Überraschungen bereit. So als wolle das Leben sie für ihre guten Taten bestrafen? Oder prüfen?

Wie gesagt hatten Sonny und Lizzie zwei Kriegswaisenkinder aus Deutschland adoptiert. Das ältere Kind war ein Junge und das jüngere ein Mädchen. Der Junge hieß Maximilian und das Mädchen Susanne. Die beiden wuchsen mit einem großen Maß an Liebe und Geborgenheit auf. Susanne studierte später u.a. Geographie und wurde Analystin bei einer Bundesbehörde. Maximilian probierte verschiedene Studiengänge und rutschte in die Drogenszene ab. Kurz darauf setzte er sich den goldenen Schuss.

Über Maximilian wollten weder Lizzie noch Sonny gerne sprechen und ich wollte da auch nicht weiter in sie dringen. Es war aber ganz offensichtlich, dass dieses Ereignis das Leben der beiden, fast unmerkbar, überschattete.

Auch mit der Pensionierung stellten die beiden ihre Aktivitäten nicht ein. Sie wurden Mitgründer des Grey Movements in Florida und organisierten ein Seniorenparlament, das fortan in Senior Cititzen Fagen vom Staatsparlament gehört wurde, und sie setzten viele Erleichterungen für ältere Menschen durch.

Sonny erzählte mir von seinen Ausflügen in die Theorien von Marx und Engels, aber auch von Kant, Popper und unzähligen anderen, Philiosophen und Staatstheoretikern. Zu der Zeit, als wir sprachen, hatte er fast alle politischen Ideologien, die es gibt, durchgedacht und verworfen. Wenn ich Sonny politisch beschreiben sollte, dann würde ich sagen, er war ein Freidenker ein Liberaler und ein aktiver guter Mensch.

Für ihn zählte das Wort sehr viel. Aber noch mehr zählte für ihn die Tat! Die gute Tat.

Als ich am nächsten Tag den Flieger nach Miami bestieg, kam in mir ein merkwürdiges Gefühl auf. Ich hatte zwei Menschen getroffen, die etwas aus ihrem Leben gemacht hatten. Sie waren im herkömmlichen Sinne erfolgreich. Aber das reichte ihnen nicht. Sie wollten etwas bewegen. Ohne großes Trara und ohne großen Dank zu erwarten. Hands on. Ich wusste in diesem Moment, dass mich die Begegnung für immer verändert hatte. Ich wusste in diesem Moment noch nicht wie, aber es war mir klar, dass die Begegnung nicht ohne Auswirkungen auf mein Leben bleiben konnte. Lizzie, aber ganz besonders Sonny, sind für mich bis heute wahre Vorbilder. Menschen, die aus dem nichts Gutes geschaffen haben. Keine Heiligen, bei weitem nicht. Insbesondere Sonny hat in seinen jungen Jahren viel Böses getan. Aber für mich ist er das beste Beispiel, das es niemals zu spät ist, seinem Leben eine Wende zu geben. Eine Wende zum Guten. So lange man lebt, ist es niemals zu spät!

2004 besuchten meine Frau, meine Kinder und ich wieder einmal gemeinsam die USA und unsere Familie. Auf unserem Reiseplan stand auch ein Besuch in Clearwater. Wir verbrachten ein paar Tage in Orlando, um Disney World und Discovery Cove mit unseren Kindern zu besuchen. Danach wollten wir einfach weiter nach Westen fahren und Sonny und Lizzie treffen. Ich wollte unbedingt, dass meine Kinder diese zwei großartigen Menschen kennlernen würden. Am Abend vor der Abreise erhielten wir dann einen Anruf. Sonny war schwer erkrankt und Lizzie bat uns, den Besuch zu verschieben. Das war das letzte Mal, dass ich ihre Stimme hörte.

Kurz nachdem wir wieder in Deutschland waren, erhielten wir die Nachricht, dass Sonny friedlich eingeschlafen war. Kurz darauf starb auch Lizzie. Ich habe die beiden nach meinem Besuch in 2000 nie wieder gesehen.




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