Der Taxikiller

Es gibt Momente im Leben, die einen Menschen für immer prägen. Auch ich hatte einige dieser Erlebnisse aber maximal eine Handvoll davon, haben meine Sichtweise so sehr beeinflusst, wie das wovon ich heute berichten möchte.


Ich bin in einer mordernen, deutschen Vorstadt der 70er Jahre aufgewachsen. Die Stimmung war auch damals geprägt von Aufbruch und Veränderung. Die Stadtplaner hatten ab 1959 nicht nur einen neuen Stadtteil am Reißbrett geplant, sondern wollten die Art des Zusammenlebens verändern. Insofern hatte der Ort an dem ich damals lebte, Modellcharakter und sollte uns in eine neue und, heute würde man sagen, inklusivere Form einer Gemeinde führen. Damals bedeutete das, Menschen mit unterschiedlichem sozialen Status an einem Ort zusammen zu führen und so eine Gesellschaft ohne soziale Grenzen zu schaffen.


Eine nette Idee, die aber leider im Laufe der Zeit komplett aus den Fugen geriet. Ich vermute, dass daher auch meine Abneigung gegen die Ideen selbsternannter Sozial-Ingenieure kommt. Menschen sind und bleiben Menschen und ein Großteil unseres Verhaltens ist evolutionär und biologisch vorgegeben und lässt sich nicht in kurzen Zeiträumen, und ich meine damit mindestens mehrere hundert Jahre, ändern.


Dennoch war es eine sehr schöne Kindheit und Jugend. Der Stadtteil war verkehrstechnisch so angelegt, dass man an jeden Ort kam, ohne zwingend eine Straße überqueren zu müssen, was unsere Eltern sehr beruhigte. Und es war auch der erste Stadteil in dem eine rigorose Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt wurde. Dazu kamen umliegende Felder, ein naher Wald und zwei Baggerseen, von denen einer bald zu einem Badesee umgestaltet wurde.


Eigentlich war es zu dieser Zeit ein fast paradiesischer Ort für Kinder und wir waren in großen Gruppen unterwegs, da in den 70ern hier meist junge Familien lebten und je nach finanzieller Lage in modernen Mietwohnungen, Eigentumswohnungen, Reihenhäusern oder Villen wohnen konnten.


Eines abends im Sommer 1977, es war schon dunkel, saß ich mit meinem damals besten Freund, an einer Bushaltestelle, nahe unseres Hauses, als plötzlich von gegenüber ein junger Mann über die Straße rannte, durchs Gebüsch hinter uns brach und die dahinter liegenden Straßenbahnschienen überquerte. Dann verschwand er zwischen dem dahinter liegenden Hallenbad und dem neu errichteten Jugendhaus. Auffällig war, dass er eine knallrote Collegejacke trug.


Mein Freund und ich schauten uns verdutzt an und schon schoß ein Taxi in ungewöhnlicher Geschwindigkeit um die Kurve bei unserem Haus und blieb mit quietschenden Reifen, vor uns beiden stehen. Das Seitenfenster des Wagens war offen und der Taxifahrer rief uns zu, während er uns näher winkte:” habt Ihr einen jungen Kerl in roter Jacke hier vorbeilaufen sehen?”. Und als wir nicht sofort antworteten, bellte er “das Schwein hat eben einer meiner Kollegen abgestochen!”. Mein Freund und ich schauten uns unsicher an als der Fahrer, ein man von ungefähr vierzig Jahren, schrie “Mensch sagt endlich was!”.


Wir waren uns unsicher, ob wir etwas sagen sollten, aber der Mann schien so aufgebracht, dass wir schließlich erwiderten “ja, gerade eben, er ist über die Straßenbahnschienen abgehauen.” Er sah uns nun an und überlegte kurz, dann rief er uns zu “steigt ein Jungs, diesen Taxikiller kaufen wir uns”.


Ich weiß nicht was uns beewegte, Neugierde oder Sensations- oder Abenteuerlust, jedenfalls sprangen wir auf und in das wartende Taxi. Wir hatten die Türen noch nicht richtig geschlossen, als der Taxifahrer auch schon Vollgas gab und mit mehr als 80 Sachen die Hauptstraße entlang raste, auf der eigentlich nur 30 erlaubt waren. Jetzt nahmen wir erst wahr, dass der Taxifunk summte wie ein Bienenschwarm und dutzende Stimmen, abwechselnd Statusmeldungen der Menschenjagd durchgaben. Unser Fahrer gab die neuste Standortmeldung durch und sobald er das Handstück seine Fungerätes wieder aufgehängt hatte, kramte er im Handschuhfach nach etwas. Das war nicht besonders vertrauenserweckend, denn dabei schleuderte er von einer Seite der Straße zur anderen mit inzwischen über 100km/h. Als er in die Zielstraße einbog und er etwas langsamer fahren musste, konnte ich im Lichtschein einer Straßenlaterne plötzlich den Gegenstand sehen, den er endlich aus dem Handschuhfach gekramt hatte. Es war eine Walther PPK und sie sah verdammt echt aus.


Ich stieß meinen Kumpel in die Rippen und machte mit meinem Kopf ein Zeichen in Richtung der Pistole. Als er sie sah, wurde er um einen Farbton blasser. Irgendwie hatte ich das Gefühl, eventuell in eine Situation zu kommen, die ausser Kontrolle geraten könnte. Aber schon machte der Fahrer eine Vollbremsung und schlitterte auf den Rasen des Jugendhauses. Kaum war das Fahrzeug zum Stillstand gekommen, sprang er aus dem Wagen und rief ” kommt mit”. Ich weiß nicht mehr warum wir ihm gehorchten und schnell austiegen. Dann gab er uns den Befehl, links um das Gebäude zu laufen und er würde rechts rum gehen. Damit hätten wir den Messerstecher in der Zange.


Es war mir schon etwas unwohl in meiner Haut, aber trotzdem folgte ich meinem Freund durch die Dunkelheit und plötzlich sahen wir den jungen Mann, er muss so um die 18 Jahre alt gewesen sein, in einem Gebüsch kauern. Er machte einen jämmerlichen Eindruck auf mich und gar nicht wie ich mir einen Mörder vorstellte. Als er uns sah, wir waren noch etwa fünf Meter entfernt, sprang er auf und huschte um die Ecke des Hauses. Kurz darauf hörten wir die ersten beiden Schüsse und als wir um die Hausecke kamen, sahen wir den jungen Mann in Richtung Einkaufszentrum laufen und den Taxifahrer hinterher mit der Pistole zielend und weitere zwei Schüsse abgebend.


Da der junge Mann ins Einkaufszentrum hineinrannte ohne zu zögern, ging ich davon aus dass er nicht getroffen worden war. Ich verlangsamte meinen Schritt nun deutlich und hielt meinen Freund am Arm fest. “Komm’ lass uns langsam machen. Das ganze wird mir unheimlich”. Dennoch war unsere Neugierde so groß, dass wir langsamer auf das halb offene Gebäude zuliefen. Durch das Einkaufszentrum führte eine kleine Straße, an deren Rand einige Autos parkten.


Inzwischen füllte sich der untere Teil des nach zwei Seiten offenen Gebäudes mit Männern mit Schraubenschlüsseln, Knüppeln und weiteren Pistolen. Zu dieser Zeit hatte es vermehrt Überfälle auf Taxifahrer gegeben und fast jeder Taxifahrer besaß einen Waffenschein und eine Pistole oder einen Revolver. Zwei von den Männern machten sich an einem größeren Fahrzeug zu schaffen und beugten sich unter den Wagen. Plötzlich schrieen sie “wir haben ihn!”.


Dann ging allles sehr schnell. Sie zogen den jungen Mann unter dem Auto hervor und im Nu, hatte sich eine Traube von mindestens 20 Männern um den am Boden Liegenden versammelt. Und dann fingen sie an, abwechselnd mit ihren mitgebrachten Schlaginstrumenten auf den Jungen einzuschlagen. Konzentriert und systematisch. Mein Kumpel und ich konnten den am Boden liegenden nur noch teilweise sehen, so viele Männer hatten sich um ihn versammelt und droschen auf ihn ein. Die markerschütternden Schreie des Delinquenten widerhalten an den Wänden des großen, teilweise offenen Raumes, während zwei Streifenwagen anhielten. Vier Polizisten sprangen aus dem Wagen und stellten sich hinter dem Mob auf. Doch sie taten nichts. Immer noch brüllte der Junge wie ein Tier, das geschlachtet wird. Aber die Polizisten machten keinerlei Anstalten einzugreifen. Sie ließen den Mob offesichtlich ihre Wut erst einmal an dem blutigen Klumpen, der nun von Zeit zu Zeit in mein Blickfeld kam, abreagieren.


Ich drehte mich weg und hielt mir die Ohren zu. Ich war durchaus ein tougher junger Kerl von 15 Jahren, aber ich konnte diese Schreie, den Anblick der zornverzerrten Gesichter und den am Boden nun nur noch zuckenden Körper, nicht mehr ertragen. Bis vor ein paar Minuten, war das ganze nur ein kleines Abenteuer für mich. Nun traf mich die Erkenntnis, dass hier etwas grausames und zutiefst unrechtes geschah, wie mit einem Vorschlaghammer. Offensichtlich war das Adrenalin und das Cortisol in meinem Körper verflogen und ich empfand nur noch Horror, Mitleid und Scham. Ich schaute meinen Begleiter an und ich sah in seinen Augen, dass er das gleiche empfand. Die beiden toughen Jungs aus der Vorstadt, waren plötzlich sehr ruhig und klein geworden. Es war uns beiden in diesem Moment klar, dass dieses Erlebnis uns unser Leben lang nicht mehr loslassen würde.


Die Erkenntnis, dass wir unversehens in eine Sache hineingeraten waren, die eindeutig BÖSE war, erschütterte uns in unseren Grundfesten. Wir beide gingen ganz still heim und wollten an diese Sache nicht mehr denken.



Am nächsten Tag, holte uns die Geschichte noch einmal ein. In unserer lokalen Zeitung stand ein Artikel, in dem davon berichtet wurde, dass nach einem Überfall und Mord an einem Taxifahrer, ein junger Amerikaner aus der nahegelegenen Garnison der US-Armee, fälschlicherweise als Täter erkannt, verfolgt und dann so schwer von einem Mob verprügelt wurde, dass er nun auf der Intensivstation lag. Der wahre Täter war am Morgen festgenommen worden und hatte inzwischen ein Geständnis abgelegt.

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