Eine schöne Kindheit?

Aktualisiert: Juni 28

Warum meine Kindheit wunderschön und gruselig zugleich war







Ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, denn ich wurde in eine traditionelle Kapitäns- und Kaufmannsfamilie hineingeboren. Mein Stiefvater und mein Großvater, hatten beide das Kapitänspatent, ebenso wie meine Urgroßväter. Der Vater meiner Oma mütterlicherseits, war der Tradition folgend jedoch Kaufmann geworden. Er hieß Nikolaus und importierte Weine und Feinkost aus Frankreich, bis er in der Folge der großen Inflation der Zwanziger Jahre, seine Unternehmen schließen und danach als städtischer Angestellter arbeiten musste.




Das Kapitänsleben bringt es so mit sich, dass man viel auf Reisen ist, und deshalb mussten meine Mutter und meine Oma den Alltag alleine organisieren. Zwei selbstbewusste und lebenserprobte Frauen. Dazu kamen Tanten und Freundinnen, die alle nicht dem Heimchen am Herd Schema der Sechziger Jahre entsprachen – eine lustige und interessante Gesellschaft und ich war mittendrin und wurde als „kleiner Mann“ erstaunlich ernst genommen.

Ich wurde geliebt und das wurde mir auch gezeigt und wir lebten in einem gewissen Wohlstand und reisten auch viel. Also kann ich wohl mit einigem Recht behaupten, eine sehr schöne Kindheit gehabt zu haben.

Wenn ich nicht, ja wenn ich nicht ein


extrem unfallträchtiges Kind gewesen wäre. Bei meinen ersten Gehversuchen mit einem in Rotterdam erstandenen „Gehfrei“, stürzte ich mich gleich einmal die Kellertreppe hinunter. Ich plärrte freilich los und meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen und als das gelungen war, legte sie mich ins Kinderbettchen. Als sie nach einer halben Stunde nach mir schaute, lief mir Blut aus der Nase und den Ohren. Anlass genug, um mich mit einem Taxi ins Krankenhaus zu bringen.

Dort stellte man dann einen doppelten Schädelbasisbruch fest und bis zum nächsten Tag, war mein Kopf, laut Aussage meiner Mutter, auf die doppelte Größe angeschwollen und leuchtete in allen Farben des Regenbogens.

Das brachte mir den ersten längeren Krankenhausaufenthalt ein, an den ich mich aber überhaupt nicht mehr erinnern kann. Ansonsten blieb nichts von diesem Unfall zurück, außer regelmäßige Migräneanfälle. Meine Frau meint manchmal, dass man merken würde, dass ich als Kind auf den Kopf gefallen bin. Aber das ist eine andere Sache.

Die nächste Runde läutete ich mit etwa 18 Monaten ein. Wir waren bei meiner Oma in der Wohnung und es klingelte an der Tür. Da außer meiner Mutter niemand daheim war, wahrscheinlich war meine Oma im Keller, setzte sie mich am Boden ab und rannte schnell zur Tür. Als sie öffnete, stand einer der netten Herren dieser bekannten deutschen Staubsaugermarke vor der Tür. Sie wimmelte ihn schnell ab und als sie ins Wohnzimmer zurückkam, stand ich, mich mit beiden Händen am extrem heißen Kohleofen abstützend da und machte wohl ein etwas unglückliches Gesicht. Meine Mutter schwor bis zum letzten Tag Ihres Lebens, dass ich bis zu diesem Moment, keinen Mucks von mir gegeben habe. Sie war so erschrocken, dass sich mich sofort auf den Arm nehmen wollte. Und da begann ich dann zu brüllen. Am Ofen waren die Haut und das Fleisch meiner Kleinkinderhände hängen geblieben. Die Knochen meiner Händchen lagen frei, in einer blutigen Masse.

Natürlich kann ich mich nicht mehr selbst an die Geschehnisse erinnern, aber meine Mutter muss sie mir über hundertmal erzählt haben. Und jedes Mal konnte ich den Horror, den sie in diesem Moment empfunden hat, in ihrem Gesicht sehen.

Das Krankenhaus war nicht weit von der Wohnung meiner Oma entfernt entfernt und so rief sie schnell ein Taxi. Meine ganze Familie bewegte sich zu dieser Zeit fast ausschließlich mit dem Taxi fort und so hatten wir eine gewisse Vorzugsbehandlung bei unserer Taxizentrale. Der Wagen war innerhalb weniger Minuten da und meine Mutter sprang mit mir, immer noch wie wild schreiend, in die Droschke. Der Taxifahrer fuhr sofort los, ohne nach dem Fahrtziel zu fragen. Er hatte sofort verstanden und bald darauf hielten wir vor der Notaufnahme unseres städtischen Krankenhauses.







Meine Mutter hatte kaum die Aufnahme erreicht, als schon eine Schwester gerannt kam, mich kurz betrachtete und meiner Mutter aus dem Arm nahm. Sie verschwand mit mir in einem Behandlungsraum und kaum hatte sich die Tür geschlossen, erstarb mein Brüllen.

Nach einiger Zeit kam ein Arzt zu meiner Mutter und berichtete ihr die niederschmetternde Diagnose. Verbrennungen dritten Grades mit starker Schädigung des Handgewebes und völliger Zerstörung der Haut. Die Empfehlung des Arztes war, meine beiden Hände zu amputieren.

Meine Mutter war natürlich geschockt und verzweifelt. Doch der diensthabende Arzt meinte, dass es im Krankenhaus einen Arzt gäbe, der auf Verbrennungen und die Rekonstruktion von Verbrennungsschäden spezialisiert sei. Zwar behandle er üblicherweise nur Erwachsene Verbrennungsopfer, aber er würde den Kollegen gerne fragen, ob er eine andere Chance sähe, als die Amputation. Meine Mutter war mit einem solchen Konzil, freilich sofort einverstanden.

Es stellte sich heraus, dass dieser Arzt selbst, ebenso wie sein Bruder, zwei der führenden Verbrennungsspezialisten in Deutschland waren und Hauttransplantationen durchführten. Der Bruder wurde später der Gründer der BG Klinik in Oggersheim, die in Europa einen hervorragenden Ruf im Bereich der Verbrennungen hat. Niki Lauda, den ich später in meinem Leben kennen lernen sollte, wurde nach seinem katastrophalen Crash auf dem Nürburgring, hierher geflogen und aller bestens behandelt.

Der Arzt erklärte meiner Mutter, dass es bei dieser Operation, keine Garantie auf Erfolg geben würde und dass mit Sicherheit noch mehrere Operationen folgen müssten, um meine Hände wieder funktionsfähig zu machen. Die Struktur von Kinderhänden war im Vergleich zu Erwachsenen, so filigran und zart, dass sich bisher niemand erfolgreich an solch eine Operation herangewagt hatte. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, wie das Ganze letztlich enden würde. Meine Mutter stimmte sofort zu.

Ab diesem Zeitpunkt, bis zu meinem fünften Geburtstag, verbrachte ich sehr lange Zeit im Krankenhaus und mit weiteren Operationen. Da meine Hände noch schnell wuchsen, reichte die nachtransplantierte Haut nicht aus und musste mehrfach durch größere Hautstücke ersetzt werden. Diese Hautstreifen wurden von meinen Beinen entnommen, ebenso wie Sehnen und anderes Gewebe. Mit der Zeit sahen meine Beine fast schlimmer aus als meine Hände und im Sommer, wenn die restliche Haut braun wurde, röteten sich die großflächigen Narben nur. Kein schöner Anblick und wenn wir ins Schwimmbad gingen oder ich kurze Hosen trug, war ich für die Kindermeute aber auch für Erwachsene eine Attraktion.

Ich wurde ständig begafft und oft als Unikum und schlimmeres beschimpft. Meine Mutter redete mir gut zu und schimpfte mit Erwachsenen und Kindern, wenn sie mich anglotzten. Ich weiß nicht mehr wie, aber sie stärkte mein Selbstbewusstsein und wenn mir jemand blöd kam, teilte ich verbal ordentlich aus – manchmal auch handgreiflich, wenn es zu schlimm wurde.

Aber ich hatte auch Freunde, die immer zu mir hielten, und das half mir sehr. Meist waren das ältere Mädchen aus der Nachbarschaft, die mich auch verteidigten, wenn die Angreifer allzu groß waren. Leider hat der Spießrutenlauf mich meine ganze Kindheit verfolgt. Deshalb trug ich eigentlich immer gerne lange Hosen. Ins Schwimmbad ging ich eigentlich nur noch mit meinem gleichaltrigen Cousin. Er hatte feuerrote Haare und wurde oft als Feuermelder beschimpft. So hielten wir immer eng zusammen und wenn sich jemand mit einem von uns anlegte, hatte er es dann gleich mit zwei kleinen Jungen zu tun – dem Unikum und dem Feuermelder.

Schlimm für mich war eigentlich nur die Grundschulzeit. Zwar bekamen meine Mitschüler meine Narben an den Beinen nur im Sportunterricht zu sehen und da hatten sie schon begonnen sich zu verwachsen aber wenn wir uns an den Händen nehmen sollten, begann immer ein Aufruhr, weil niemand meine verbrannten „Monsterhände“ nehmen wollte. Das fühlte sich jedes Mal wie ein Stich ins Herz an und ich begann Situationen aus dem Weg zu gehen, in denen man sich an den Händen fassen musste. Ich wollte den Menschen die Berührung mit mir ersparen. Auch heute noch, kann ich es nicht gut ertragen, wenn mir Menschen nahekommen, mit Ausnahme meiner Frau, meinen Kindern und ein paar ausgesuchten Menschen.



Als ich schließlich aufs Gymnasium ging, störte sich niemand mehr an meinen Händen. Ich war über die Zeit recht geschickt geworden, die Narben zu verstecken.

Die schlimmsten Erlebnisse meiner Kindheit hatte ich bei den beiden letzten Operationen. Ich war 4 ½, als ich zu dieser Prozedur ins Krankenhaus musste und wurde genau an meinem fünften Geburtstag wieder entlassen. Die beiden Hände wurden nacheinander operiert, da ich nach jeder Operation, an der operierten Hand für drei Monate eine Schiene mit fester Bandage tragen musste.





Der Aufnahmetag war ein Trauma für mich. Meine Mutter hatte mir aus Verzweiflung versprochen, dass sie mich wieder mit nachhause nehmen würde, wenn ich nicht im Krankenhaus bleiben wolle. Als sie mich dann zurücklassen wollte, versuchte ich sie verzweifelt festzuhalten. Die Oberschwester, eine alte Matrone, schrie mich an, riss mich los und brachte mich weg. Ich wehrte mich mit allen Kräften aber ihr Griff war eisern und so warf sie mich auf ein Bett und drohte mir mich ans Bett zu fesseln, wenn ich weiter versuchen würde das Bett zu verlassen.

Ich weinte drei Tage bitterlich und war von meiner Mutter enttäuscht. Sie hatte mir versprochen mich nicht zurückzulassen, wenn ich nicht bleiben wolle. Und sie war dennoch gegangen – für mich ein Vertrauensbruch und Verrat. Natürlich weiß ich heute, dass es ihr bestimmt das Herz gebrochen hat, mich weinend und verzweifelt zurückzulassen. Jeden Tag sagte die alte Matrone zu mir, wenn ich weiter weinen würde, dürfe mich meine Mutter und auch sonst niemand besuchen.

Am dritten Tag knickte ich endgültig ein. Ich nahm mir vor, nicht mehr zu weinen und meiner Mutter die kalte Schulter zu zeigen, wenn sie mich besuchen würde. Aber als ich sie wieder sah, freute ich mich so sehr, dass ich sie wie wild umarmte und jedes Mal, wenn sie im nächsten halben Jahr nach der Besuchszeit ging, legte ich mich in mein Bettchen und weinte leise in mein Kissen.

Die alte Matrone und ihre Stellvertreterin mussten Kinder hassen. So empfand ich das jedenfalls. Beide waren extrem streng und versuchten immer wieder, unseren Willen zu brechen. Drei besonders grausame Erlebnisse haben sich mir bis heute ins Gedächtnis eingebrannt.

Durch meinen doppelten Schädelbasisbruch litt ich als Kind regelmäßig an wahnsinnig starken, anfallsartigen Kopfschmerzen. Ein solcher „Migräneanfall“ fing meist, mit leichtem Schmerz auf der linken Schädelseite an, insbesondere der linken Schläfe und über dem Rechten, oberen Augenwinkel. Der Schmerz wurde dann sehr schnell unter schrecklichem Pochen stärker. Mein Kinderarzt hatte mir Brausetabletten verschrieben, die den Schmerz etwas linderten und mich einschlafen ließen. Nach einiger Zeit wachte ich auf und musste mich übergeben. Der Ablauf war bis zu meiner Pubertät der immer der gleiche. Dann ging es mir besser und ich bekam unbändigen Hunger.

Als sich der erste Anfall während meines Krankenhausaufenthaltes abzeichnete, rief ich nach einer Schwester. Ich sagte ihr, dass ich Kopfweh hätte und meine Medizin bräuchte. Meine Mutter hatte mir eine ausreichende Menge der Oberschwester gegeben und ihr erklärt, wie ein solcher Anfall ablief und was zu tun sei. Die Schwester rief dann nach der Oberschwester, die wütend ins Zimmer stürmte und mich anblaffte „Kinder können keine Kopfschmerzen haben. Stell Dich nicht so an und gib‘ Ruhe. Du bekommst keine Medizin von mir!“

Ich begann mit ihr zu diskutieren, wie ich es von meiner Mutter und meinen Tanten kannte, was sie noch böser werden ließ. Aber ich ließ nicht locker. Schließlich rannte sie raus und warf die Tür zu. Ich ließ nicht locker und klingelte Sturm. Sie reagierte nicht mehr darauf und als ich rausrennen wollte, merkte ich, dass die Tür abgeschlossen war. Ich trommelte gegen die Tür und ich konnte sie draußen nur höhnisch lachen hören. Ich legte mich ins Bett und hielt meinen Kopf. Ich weiß nicht mehr wie lange ich so lag, aber schließlich spürte ich, wie die letzte Stufe des Anfalls begann. Mir wurde speiübel und es war nichts in der Nähe, in was ich erbrechen konnte. Ich schrie nun wie am Spieß. Die Tür wurde aufgerissen und die Matrone stürmte wütend ins Zimmer. In diesem Moment spürte ich, wie mein Mageninhalt nach oben schoss und gerade als sie am Bett war, kam ein Schwall aus meinem Mund und ergoss sich über ihre gestärkte Uniform und das Bett. Sie lief augenblicklich so rot an, dass ich Angst bekam und zurückwich. Ich dachte wirklich, dass sie mir eine gewaltige Ohrfeige versetzen würde. Aber schnell trat eine Schwester zwischen die Matrone und mich und sagte zu ihr „gehen sie doch schnell und machen Sie sich sauber, ich erledige das hier.“ Die Matrone rannte wutentbrannt nach draußen und an diesem Tag kam sie nicht mehr in mein Zimmer. Die neue Schwester, war ganz jung und hieß Angelika. Sie wurde meine Lieblingsschwester und hat mir ab diesem Tag immer geholfen, wenn ich Schwierigkeiten geriet. Das geschah dann auch sehr bald.

Ich war nicht der einzige ungewöhnliche Patient auf der Station. Ein Junge hatte seinen Fußball auf ein Industriegelände gekickt und war über den Zaun geklettert, um ihn zurückzuholen. Dabei löste er eine Selbstschussanlage aus. Er war an seinem ganzen kleinen Körper von Schrotkugeln getroffen worden. Das machte ihn zum Helden auf der Station. Ein anderer hatte Probleme mit seinen Hoden und deshalb hatte man ihm viele Kügelchen aus Metall daran befestigt, die er einem stolz zeigte, wenn man ihn darum bat.

Inzwischen hatte sich eine kleine Gang gebildet und der Anführer war ein etwa neunjähriger Junge. Er hatte Verbrühungen am Arm. Als er frech zu seiner Mutter war, hat sie ihm einfach einen Topf kochenden Wassers über den Arm gekippt. Er hatte nur Dummheiten im Kopf. Sehr gerne warf er mit dem Obst der anderen Kinder aus dem Fenster auf vorbeigehende Schwestern. Das machte ihm einen Heidenspaß.

Bald darauf wurde ein Junge in mein Zimmer gelegt, der an Armen und Beinen Gipsverbände, die über Flaschenzüge am Bett in der Luft gehalten wurden. Unser Anführer fand das ziemlich lustig und während der Mittagsschlafzeit, schlich er sich in unser Zimmer, trat an mein Bett und sagte „Du traust Dich bestimmt nicht, Deinem Bettnachbarn ein Kaugummi auf die Nase zu kleben.“ Ich fragte ihn, warum ich das denn tun sollte? Und er antwortete darauf „Damit ich ich nicht jedem in der Bande sage, dass Du ein elendiger Feigling bist!“ Ich überlegte kurz. Irgendwie verstand ich nicht, dass ich meinem Bettnachbarn ein Kaugummi auf die Nase kleben sollte. Andererseits wollte ich auch nicht als Feigling gelten. Also blieb ich im Bett und sagte „ich habe aber gar kein Kaugummi“. Ich war darüber wirklich erleichtert, aber in diesem Moment nahm er ein Kaugummi aus dem Mund und reichte es mir. Jetzt konnte ich mich nicht mehr drücken, sonst galt ich als Feigling in unserer Bande.

Ich kletterte also aus meinem Bett und näherte mich langsam dem anderen Bett. Ich beugte mich darüber und konnte den Jungen leise Schnaufen hören. Er schlief ganz offensichtlich. So verharrte ich eine ganze Weile, hin- und hergerissen, ob ich es nun tun sollte oder nicht. Plötzlich schlug der Junge die Augen auf. Ich erschrak so sehr, dass ich das Kaugummi ohne weiteres nachdenken direkt auf seiner Nasenspitze platzierte.

In diesem Moment hörte ich hinter mir die Stimme unseres „Bandenchefs“ „sehen Sie Frau Oberschwester, er hat ihm ein Kaugummi auf die Nase geklebt.“. Ich drehte mich um und konnte die alte Matrone, drohend im Zimmer stehen sehen. Ohne zu überlegen, sprang ich los und witschte an ihr vorbei aus dem Zimmer. So schnell konnte sie nicht reagieren und ich rannte in Richtung Badezimmer. Ich riss die Tür auf, unser „Bandenchef“ mir auf den Fersen und er schrie drohend, wenn ich Dich kriege, bekommst Du Prügel. Schnell sprang ich in die Schwesternkabine mit dem großen Klo und schloss ab.

Inzwischen hatten sich im Badezimmer neben dem Rabauken, die Oberschwester und andere Schwestern versammelt. Sie schrien wütend, dass ich herauskommen solle. Aber es waren altmodische Türen, die man von außen nicht so einfach öffnen konnte wie die Badtür bei uns in der Wohnung. Also wähnte ich mich erst einmal sicher und begann über die Bedingungen meiner Aufgabe zu verhandeln. Zuerst wollten die Schwestern nicht darauf eingehen. Aber als einige Zeit vergangen war, verlegten sie sich von Drohungen auf vergiftete Freundlichkeit. Und nachdem sie mir versprochen hatten, dass ich keine Strafe bekäme, öffnete ich die Tür. Sofort sprang der „Bandenführer auf mich zu und legte seine beiden Hände um meinen Hals und begann mich zu würgen. So sehr, dass ich keine Luft mehr bekam. Die Oberschwester machte zuerst einen zufriedenen Eindruck, aber als dann Schwester Angelika ebenfalls ins Badezimmer trat und den Jungen von mir fortriss, packte sie mich an meinem Arm und schleppte mich ruppig und brutal zum Schwesternzimmer. Ich schrie und jammerte. Sie hatte doch versprochen, dass ich nicht bestraft würde. Daraufhin sagte sie, dass sie das auch nicht tun würde. Das würde die Polizei erledigen. Auf meinen Einwand, dass unser „Bandenführer“ mich angestiftet und außerdem gewürgt hatte, meinte sie, er würde die gleiche Behandlung bekommen wie ich.

Bald darauf saß mein „ehemaliger“ Kumpel neben mir auf einem Stuhl vor dem Schwesternzimmer. Die Wand zum Schwesternzimmer hatte ein großes Fenster und so konnten wir die Schwestern darin hantieren und telefonieren sehen. Von Zeit zu Zeit kam die alte Matrone heraus und meinte, die Polizei hätte noch etwas anderes zu tun, aber bald sei sie da und würde uns in eine Kiste sperren und mitnehmen. Wir könnten jeweils unser Lieblingsspielzeug mitnehmen, damit es uns im Gefängnis nicht langweilig würde. Unter Aufsicht der Stellvertreterin der Oberschwester, ging ich in mein Zimmer und holte mein Lieblingsfeuerwehrauto. Kurz darauf sass ich wieder auf dem Stuhl vor dem Schwesternzimmer und fragte mich, ob meine Mutter wohl jemals erfahren würde, was aus mir geworden ist. Die alte Matrone hatte uns nämlich wissen lassen, dass sie unseren Eltern nicht verraten würde, wo wir geblieben waren. Wir wären einfach abgehauen und man hätte uns nicht mehr gefunden. So sassen wir dort den ganzen restlichen Tag, bis es dunkel wurde.

Dann wurden wir jeweils in unser Zimmer gebracht, nicht ohne den Hinweis, dass die Polizei heute keine Zeit hatte uns abzuholen und das am nächsten Morgen nachholen würde. Am nächsten Morgen kam dann die alte Matrone in mein Zimmer und warnte mich, jemals meinen Eltern von dieser Sache zu erzählen. Sie hätte die Polizei überzeugt, dass sie uns nicht einsperren sollten, aber wenn ich etwas am Mittag bei der Besuchszeit zu meiner Mutter sagen würde, dann käme die Polizei am Abend doch noch und würde mich holen.

Nun hatte mir meine Mutter immer gesagt, dass sie mich niemals im Stich lassen und egal, was ich getan hätte, sie mir immer helfen würde. Und wenn jemand sagen würde, ich solle es ihr nicht erzählen, es ganz besonders wichtig wäre, dass ich es ihr erzähle. Klar zweifelte ich, ob das noch galt. Immerhin hatte sie mich ja angelogen, als sie versprach mich wieder nachhause mitzunehmen, wenn ich hier nicht bleiben wolle. Und inzwischen hatten sich ja auch fast alle meine Befürchtungen bestätigt. Es war furchtbar hier und wenn Schwester Angelika nicht gewesen wäre, wäre ich bestimmt schon längst abgehauen. Außerdem hatte ich inzwischen ein furchtbar schlechtes Gewissen wegen der Kaugummi Aktion. Der Junge tat mir schrecklich leid. Sie hatten ihn inzwischen in ein anderes Zimmer verlegt, und so konnte ich ihm nicht einmal sagen, wie leid mir das Ganze tat. Schließlich rang ich mich dazu durch, meiner Mutter alles zu sagen.




So wie ich es mir vorgenommen hatte, erzählte ich die Geschichte meiner Mutter und sie wurde erst einmal ganz ruhig. Dann sagte sie „Du weißt, dass das nicht schön war, was Du da gemacht hast. Der Junge war hilflos und Du hast ihm ein Kaugummi auf die Nase geklebt. Das ist wahrlich keine Heldentat gewesen. Wir gehen also gleich zu ihm und Du wirst Dich bei ihm entschuldigen und ihm eines Deiner Spielzeuge schenken.“

Das war einerseits gerecht, andererseits tat es mir auch leid wegen meines Spielzeugs. Ich suchte mir eines meiner Spielzeugautos von Matchbox aus und wir gingen zu dem Jungen, ich entschuldigte mich und er sagte, es wäre schon ok.


Dann stellte ich ihm mein Matchboxauto auf den Nachttisch, und ich konnte in seinen Augen sehen, dass er sich sehr freute.

Dann nahm mich meine Mutter bei der Hand und wir gingen zum Schwesternzimmer. Sie sagte, dass ich mich hinsetzen solle, und sie ging ins Zimmer hinein. Durch die Glasscheibe konnte ich die Szene beobachten. Ich konnte sehen, dass meine Mutter wütend war und wie die alte Matrone von ihrem Stuhl aufsprang. Sie wurde wieder ganz rot im Gesicht und ich konnte durch die Tür hören, dass im Zimmer sehr laut gesprochen wurde. Meine Mutter hatte den Ausdruck im Gesicht, den sie immer hatte, wenn sie jemanden zur Schnecke machte. Und nach einiger Zeit ließ sich die alte Matrone auf ihren Stuhl zurückfallen und schien zusammen zu sinken. Meine Mutter öffnete die Tür und rief mich hinein. „Die Oberschwester möchte Dir etwas sagen“ sagte sie zu mir, mit einem scharfen Blick auf die Oberschwester. Diese stand auf und setzte an „Ähh ich wollte Dir sagen, dass die Polizei nicht kommen wird und wir gelogen haben. Wir haben die Polizei nie angerufen, wir wollten Euch nur Angst machen.“ Meine Mutter schaute sie eindringlich an. „Und ich möchte mich bei Dir entschuldigen“.

Von diesem Tag an sah ich die alte Matrone nur noch ganz selten. Bis zu dem Tag...

Manchmal frage ich mich, wie oft man von jemandem enttäuscht werden muss, bevor man es kapiert, dass dieser Mensch die eigene Freundschaft nicht verdient hat?

Eines Tages kam der „Bandenchef“ in mein Zimmer und sagte, dass gegenüber im Zimmer gleich eine Kasperleaufführung stattfinden würde. Ob ich das gerne sehen würde? Ja aber klar wollte ich das sehen. Aber eigentlich durfte ich mein Bett nicht verlassen, denn ich war vor ein paar Tagen gerade wieder operiert worden und sollte meinen geschienten Arm ganz still halten.

Die Aussicht auf ein Kasperletheater ließ mich aber alle Vorsicht vergessen. Ich ging also mit dem Jungen in das andere Zimmer. An der einen Wand war ein Fenster eingelassen. Darunter ein Tisch. Der Junge sagte, dass die Vorstellung im anderen Zimmer stattfinden würde und ich auf den Tisch klettern müsse, um sie sehen zu können. Er half mir dann hinauf und ich spähte durch das kleine Fenster. Dort war aber nichts zu sehen außer das andere Zimmer. Der Junge lachte und sagte dann zu mir „Ich hole jetzt die Oberschwester und dann wirst Du schon sehen was passiert. Das ist dafür, dass ich wegen Dir bestraft wurde“ dann ging er hinaus und ich versuchte, verzweifelt vom Tisch zu klettern. Das gelang mir aber nur zur Hälfte. Die andere Hälfte fiel ich herunter und landete hart auf dem Boden. In diesem Moment betrat die alte Matrone das Zimmer. Sie schaute mich kalt lächelnd an. „Ah, Du hältst Dich nicht an die Anweisung vom Chefarzt. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Dich ans Bett zu fesseln. Damit packte sie mich am gesunden Arm und schleifte mich in mein Zimmer. Dort wartete schon ihre Stellvertreterin und mit vereinten Kräften, fesselten sie mich mit Mullbinden ans Bett. So lag ich dann den Rest des Tages. Festgebunden mit einer Hand rechts und einer Hand links an das jeweilige Fallgitter angebunden. Alles Winden half nichts. Abends kam Schwester Angelika und fütterte mich und brachte mich aufs Klo. Ich schämte mich fürchterlich, denn in der Zwischenzeit hatte ich mich eingenässt, weil ich es nicht mehr halten konnte. Sie brauste mich ab und machte mein Bett sauber. Dann band sie mich wieder fest.“Es tut mir leid, ich muss Dich wieder fesseln. Anweisung vom Chefarzt.“

Da erst am nächsten Mittwoch wieder Besuchszeit war, lag ich zwei Tage gefesselt im Bett. Als meine Mutter mich am Mittwochabend sah, schossen ihr die Tränen in die Augen und verschwand sofort wieder. Kurz darauf kam sie mit Schwester Angelika zurück, die mich losband.

Mutter setzte sich auf mein Bett und sagte „Du musst jetzt wirklich brav sein und noch ein paar Tage hier im Bett bleiben. Lass Dich auf keinen Fall von jemandem dazu überreden, das Bett zu verlassen. Sonst wirst Du wieder angebunden. Wenn Du nicht liegen bleibst, können die Nähte an Deiner Hand aufgehen und dann musst Du wieder operiert werden und das wollen wir doch nicht.“ Das sah ich ein und ich hatte auch keine Lust, noch einmal angebunden zu werden.

Kurz vor meinem fünften Geburtstag, wurde ich zu dem Doktor gebracht, der mich operiert hatte. Er sagte mir, dass er nun meine Schiene entfernen würde. Das könne etwas wehtun, denn man habe bei dieser Hand eine neue Methode ausprobiert und unter meinen Fingernägeln hindurch, die Finger fest an die Schiene genäht, damit die Finger gerader werden würden. Ehrlich gesagt hatte er nicht übertrieben. Jeden einzelnen Faden musste er unter meinen Fingernägeln, langsam herausziehen. Das war nicht lustig, aber er redete geduldig auf mich ein und malte mir und sich zwischendurch mit Jod, lustige Punkte ins Gesicht. Ich war froh, als die Prozedur vorbei war.

Leider mussten ein paar Tage später die Nähte in meinen Handflächen gezogen werden. Ich freute mich, meinen lustigen Arzt wieder zu sehen, obwohl es mir vor dem Fäden ziehen, Angst und Bang war. Umso erstaunter war ich, als ich ins Schwesternzimmer geführt wurde und dort die alte Matrone auf mich wartete. Sie grinste mich an und sagte mir, dass es nun ihre Aufgabe sei, die letzten Fäden zu ziehen. Da die Transplantation quasi die ganze Handfläche betraf, waren sehr viele Stiche im Abstand von ungefähr zwei Millimetern gesetzt worden – Dutzende Stiche.

Sie grinste mich an und befahl mir dann meine Hand, Handfläche nach oben, auf den Tisch zu legen. Neben sich hatte sie eine Nierenschale, eine spitze Schere und eine Pinzette gelegt. Daneben noch eine Flasche mit Jod und ein Wattebausch.

Dann begann sie ganz langsam die Nähte zwischen den Stichen, mit der Schere zu öffnen. Das tat überhaupt nicht weh. Schließlich nahm sie die Pinzette und schaute mir tief in die Augen. Sie waren eiskalt. Dann packte sie mit der Pinzette das Ende eines Fadens und begann ihn ganz langsam herauszuziehen. Es war ein stechender Schmerz und es war ganz offensichtlich, dass sie mein Leiden genoss. Als der Faden endlich gezogen war, tupfte sie mit einem Wattebausch etwas Jod auf den Einstich. Das erzeugt ein starkes Brennen. Nach dem zehnten Faden konnte ich die Tränen, die ich zuvor unterdrückt hatte, nicht mehr halten und ich sah die Zufriedenheit in ihrem Gesicht, als mein Stolz brach.



Am 31.07.1967 holte mich schließlich meine Mutter aus dem Krankenhaus ab. Alle hatten sich zuhause versammelt und begrüßten mich. Ich war froh, wieder daheim zu sein. Ich hatte mir vorgenommen, niemals wieder in ein Krankenhaus zu gehen. Das gelang mir, bis ich über dreißig war.

Habe ich etwas aus dieser Zeit mitgenommen, außer die traumatischen Erlebnisse und meine geradezu panische Abneigung gegen Krankenhäuser?

Ja, ich habe gelernt auf die Ansage „dann bist Du ein Feigling“, ganz cool zu antworten „das ist mir vollkommen egal“. Und das meine ich auch so. Jedes Mal in der Zukunft, wenn man mich mit dem „Feiglingtrick“ zu etwas bewegen wollte, dachte ich mir, das kann nichts Gutes sein und erteilte dem gegenüber eine kalte Abfuhr.

Außerdem habe ich gelernt, für mich und meine Lieben immer einzustehen und keine Autorität zu akzeptieren, wenn sie nur auf einem bloßen hierarchischen Verhältnis beruht. Das hat mich im Leben in so manche kitzlige Situation gebracht aber ich bin stolz darauf, mich nie verbogen zu haben. Autorität muss man sich verdienen.

Und die wichtigste Lehre, die ich so vor meinem fünften Geburtstag gelernt habe: verspreche nie etwas, von dem Du nicht absolut sicher bist, dass Du es halten kannst. Ich habe immer gesagt, wenn man einen Schwur von mir wollte, von dem ich nicht wusste, ob ich ihn halten kann, dass ich mein Bestes geben werde! Und das tat ich dann auch. Ich glaube, dass man von einem Menschen nicht mehr Verlangen kann und das Einfordern von Schwüren, meist unfair ist.


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