Georgia on my Mind

Was meine Einstellung zum Rassismus prägte


In meiner Jugend habe ich sehr viel Zeit im US-Bundesstaat Georgia verbracht. Ein Teil unseres US-amerikanischen Familienzweigs lebte dort, insbesondere in Savannah an der Küste. Savannah ist ein wunderschöner Ort, in dem man noch heute den alten Glanz der Ante Bellum Zeit erleben kann. Kopfsteinpflaster, alte Gebäude in der Innenstadt und am Rande, prächtige Herrenhäuser.


Als Junge, der in den sechziger und siebziger Jahren in Deutschland aufgewachsen ist, war es für mich natürlich ungewöhnlich, zu erleben, dass die Gesellschaft im Süden zu dieser Zeit immer noch vorwiegend getrennt nach Weiß und Schwarz lebte, obwohl die Segregation längst abgeschafft war. Aber auch ohne offiziellen Zwang blieb man doch eher unter sich. Da mein deutsches Zuhause in der Nähe eines der größten amerikanischen Wohngebiete Deutschlands lag und mein damaliger und heute noch bester Freund, einen amerikanischen, farbigen Stiefvater hatte, hielten wir uns dort sehr häufig auf. Wir trafen uns mit Jungs und Mädchen aus der dortigen Community und ob die schwarz, weiß, braun, gelb oder rot waren, war uns mehr als schnurz. Wir waren untereinander komplett entspannt und die damals gängige Soulmusik von Barry White, Diana Ross und Issac Hayes passte so fabelhaft zu unserem groovy Lebensstil, mit Grape Soda, Hot Dogs und Tacos.

Es muss ungefähr das Jahr 1977 gewesen sein, als ich das Buch „Roots“ von Alex Hayley las. Die Familiengeschichte einer schwarzen Familie, die von dem in Gambia gefangenen, jungen Kunta Kinte abstammte. Gerade die Beschreibungen des Lebens Kunta Kintes in Westafrika hat mich sehr beeindruckt. Aber auch die Beschreibung seines Lebens in den Südstaaten berührte mich, denn ich kannte ja die Orte dort und wusste, wie das Leben dort in den Siebzigern aussah.


Und die Verbindung zu meiner amerikanischen Familie riss auch über die ganze Zeit nicht ab. Bei meiner Tante und meinem Onkel im Haus hatte ich bis 2019, als meine Tante starb, ein eigenes Zimmer, das immer auf mich wartete. Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 1989, mein Vater war schon gestorben als ich zwölf war, wurde die Bindung zu meiner Tante noch enger und wann immer ich konnte, besuchte ich sie und wir redeten ganze Nächte lang über die Familiengeschichte und über Dinge, die uns geprägt haben.


Mein Onkel hatte – als in den Südstaaten in den frühen 20er Jahren geborener Mann einer Familie mit einigem Wohlstand – ein eher schwieriges Verhältnis zu afroamerikanischen Menschen. Das fand ich seltsam, denn meine Tante hatte da eine recht entspannte Einstellung. Das alles passte nicht richtig zu dem Verhältnis zu meinen amerikanischen Freunden in Deutschland, was ich in Roots gelesen und mir danach über die Abolitionistenbewegung, den Bürgerkrieg und die Zeit danach, an Wissen angeeignet hatte.


Was meine Einstellung zu Rassismus und zu meiner Zusatz-Heimat USA aber später am meistengeprägt hat, war eine Geschichte, die mir meine Tante eines Abends erzählte. Sie hat an meinen Grundfesten gerüttelt und mein Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit auf brutale Weise geschärft. Meine Tante hat meinen Onkel, einen wirklich feschen Air Force Officer, in der Nachkriegszeit kennen gelernt. Er kam aus einer wohlhabenden Familie aus Mississippi, die einige Ölfelder besaß. Seine Großmutter war eine Cherokee.



Meine Großeltern waren davon freilich wenig begeistert, aber es kam, wie es kommen musste, und meine Tante heiratete meinen Onkel sehr bald. Danach lebten die beiden noch einige Jahre in Heidelberg und mein ältester Cousin und meine älteste Cousine wurden dort im Militärhospital auch geboren. Als sich die Situation in Korea veränderte, wurde mein Onkel zurück in die USA versetzt und meine Tante folgte ihm etwas später mit den Kindern. Erst lebten sie in einem Militärlager in New Jersey und dann wurde mein Onkel nach Korea versetzt. Meine Tante zog daraufhin mit den inzwischen drei Kindern zur Familie meines Onkels in Mississippi.

Wie sie mir später in einem unserer nächtlichen Gespräche erzählte, war das die schlimmste Entscheidung ihres Lebens. Die Mutter meines Onkels konnte nicht verwinden, dass ihr Sohn eine Deutsche geheiratet hatte, und sie ließ das meine Tante jeden Tag spüren. Doch nicht nur die Schwiegermutter machte meiner Tante das Leben zur Hölle, sondern auch die Brüder meines Onkels. Sie überwachten meine Tante auf Schritt und Tritt und ließen keine Gelegenheit aus, sie zu demütigen. Eines Tages schickte ihre Schwiegermutter sie in den Einkaufsladen der nächsten Stadt. Einer der Brüder meines Onkels fuhr sie dorthin und erledigte etwas anderes, während sie den Einkauf machte. Wie heute noch in den USA üblich, wurden die Einkäufe von einem jungen Helfer eingepackt und zum Wagen getragen. Der Junge war ein Farbiger und während er die Sachen zum Pickup trug, unterhielt er sich mit meiner Tante. In dem kleinen Ort war allen bekannt, dass meine Tante die Deutsche war, die Vernon aus Europa mitgebracht hat, und sie redeten mit ihr nur das Allernötigste. Meine Tante war so erzogen, dass es für sie keinen Unterschied machte, ob jemand eine andere Hautfarbe hatte oder eine andere Religion. So hatte es meine Oma ihr beigebracht und so habe auch ich meine Oma kennen gelernt. Sie war ein gläubige Frau, die regelmäßig für Afrika und arme Kinder spendete und davon überzeugt war, dass alle Menschen gleich sind. Meine Tante sprach und scherzte noch mit dem Jungen, als ihr Schwager zum Auto zurückkam. Ein Blick von ihr genügte, um zu erkennen, dass Ärger ins Haus stand. Ihr Schwager ging sofort auf den ungefähr siebzehnjährigen Schwarzen los, packte ihn am Kragen und schrie ihn an, warum er sich erlaube, mit der Frau seines Bruders zu schäkern. Meine Tante sagte ihm, dass der Junge nicht geschäkert hatte, sondern sie sich einfach unterhalten haben. Er herrschte sie daraufhin an, dass sie gefälligst ins Auto einsteigen solle, und verpasste dem Jungen ein paar schlimme Ohrfeigen. Dann setzte er sich ins Auto und raste in Richtung Anwesen zurück. Meine Tante war schockiert und wollte die Situation richtig stellen, aber ihr Schwager schrie sie nur an, sie solle ihre deutsche Schnauze halten. Daheim angekommen lief meine Tante auf ihr Zimmer und weinte. Unten versammelten sich ihre Schwiegermutter und ihre Schwäger und sie beratschlagten, wie man diese Beleidigung und Unverschämtheit ahnden könne. Als meine Tante nach unten ging, um nach ihren Kindern zu schauen, hörte sie, wie die jungen Männer sagten, sie würden das Problem in den nächsten Tagen lösen. Einige Tage später fand man den jungen Schwarzen im Straßengraben. Man hatte ihn totgeschlagen und verstümmelt. Die Schwäger meiner Tante liefen grinsend durch die Gegend und und brüsteten sich damit, das Problem gelöst zu haben und dass dieser „Nigger“ keiner weißen Frau mehr zu nahe käme. Als meine Tante das hörte, packte sie die wichtigsten Sachen für sich und ihre Kinder ein und machte sich zu Fuß auf den Weg in das Städtchen. Dort angekommen ging sie schnurstracks zur Polizeistation und verlangte, den Sheriff zu sprechen. Als er erschien, schaute er sie grinsend an und fragte sie, was sie wolle. „Ich möchte ein Verbrechen anzeigen. Die Brüder meines Mannes haben eine jungen schwarzen Mann erschlagen und erzählen das auch überall herum“. Der Sheriff schaute sie daraufhin lange an und meinte dann, dass sie vorsichtig mit solchen Anschuldigungen sein solle. Mit Sicherheit hätten die Brüder meines Onkels nichts mit diesem Unfall zu tun. Er würde jetzt bei ihrer Schwiegermutter anrufen und sie würde dann abgeholt werden. Er drehte ich daraufhin um und ging zurück in sein Büro. Meine Tante überlegte kurz und verließ rasch die Polizeistation. Sie ging direkt zum Bus-Stop und ein paar Minuten später kam auch der Bus nach Jackson. Sie stieg schnell mit den Kindern ein und kehrte nie wieder an diesen schrecklichen Ort zurück. In Jackson nahm sie sich ein Hotelzimmer. Dann versuchte sie, ihren Mann zu erreichen. Nach zwei Tagen hatte sie über die Vermittlung der Air Force Glück, und sie berichtete die Geschehnisse meinem Onkel.

Er stellte nicht lange Fragen und leitete dann alles in die Wege, damit sie mit den Kindern in einer Militäreinrichtung für Angehörige von Offizieren im Überseedienst unterkommen konnte. Mein Onkel wurde bald darauf nach Columbus in Ohio versetzt und ab diesem Zeitpunkt, waren die beiden nie wieder längere Zeit voneinander getrennt, bis zum Tode meines Onkels 2001. Mein Onkel fuhr nach seiner Rückkehr von Korea noch einmal zu seiner Familie und stellte sie zur Rede. Jedoch ohne Erfolg und auch das Gespräch mit dem Sheriff führte zu nichts. Es war das Mississippi der späten 50er. Das Verbrechen blieb ungesühnt. Auch kehrte er danach nie wieder in seinen Heimatort zurück und brach offiziell mit seiner Familie. Seine Mutter enterbte ihn nach dem letzten Gespräch und sie haben sich nie wieder gesehen. Als mir meine Tante diese Geschichte zum ersten Mal erzählte, es muss 2003 oder 2004 gewesen sein, war ich zutiefst schockiert. Zwar hatte ich die Geschichte vom Tod der Studenten in Mississippi in den sechziger Jahren gelesen und freilich auch den Film Mississippi Burning gesehen, aber zu hören, dass so etwas auch im direkten Umfeld meiner Familie passiert ist, war unglaublich. Wenn ich an die Zeit meiner Jugend zurückdenke, als ich mit meinen Freunden aus der amerikanischen Siedlung Softball oder Fangen gespielt habe und wir unserer Hautfarbe oder Herkunft so gar keine Bedeutung beimaßen, habe ich das Gefühl, dass unsere Welt genauso sein müsste. Alle sind gleich. Es gibt aufgrund der Rasse, Religion oder Herkunft keinerlei Nachteile, aber auch keine Vorteile. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir nur so in Frieden zusammen leben können. Wenn ich höre, dass man in den USA wieder Schulen und Einrichtungen nach Hautfarbe trennen möchte, um Übergriffe zu vermeiden, muss ich sagen, dass ich das für einen vollkommen falschen Weg halte. Es zementiert nur das Versagen der Politik. Wir können doch nicht allen Ernstes wieder zu einer Segregation zurück? Auch darf es eigentlich keine Vorteile für eine Hautfarbe geben, egal ob weiß, schwarz oder welche auch immer. Auch keine Bevorzugung bei irgendwelchen Auswahlprozessen und schon gar keine niedrigeren Einstiegsbarrieren nach Hautfarben oder Religion. All diese Maßnahmen halte ich für Irrwege, die die Feindschaft zwischen den Menschen perpetuiert. Als Wandler zwischen den Welten in Deutschland und den USA (aber auch Asien) über 50 Jahre hinweg, erlaube ich mir dieses Urteil.

Auch die Benachteiligung von Weißen ist für mich Rassismus und wird zur weiteren Spaltung führen. Das Gefühl für Gerechtigkeit ist tief im Menschen verwurzelt. Die Evolution hat es so eingerichtet, damit sich sorgende Gemeinschaften bilden können und so die Überlebenschancen der Menschheit steigen. Über mein Privat- und noch mehr mein Berufsleben, hatte ich immer Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und unterschiedlichen Hautfarben. Meine Erfahrung ist es, dass, wenn man zusammen an einer Aufgabe oder einem Problem arbeitet, irgendwelche Unterschiede sehr bald keine Rolle mehr spielen. Deshalb habe ich heute auch Freunde aus vielen Kulturen und mit unterschiedlichsten Hautfarben. Keiner von ihnen fühlt sich in einer Opferrolle oder möchte positiv diskriminiert werden. Und ich fühle mich keinem wegen meinem Hintergrund überlegen. Die Tochter meiner Cousine hat während der Unruhen um die Black Live Matters Bewegung mit ihrer Familie ein Zeichen gesetzt. Sie ist mit einem Afro-Amerikaner verheiratet und sie haben noch ein Nachzügler Kind bekommen. Eine kleine Tochter. Die drei haben ein Bild aufgenommen, auf dem meine Cousine, ihr Mann und die kleine Tochter zu sehen sind. Meine Cousine hält ein Schild mit der Aufschrift in der Hand: „Black Live Matters“. Ihr Mann ein Schild mit der Aufschrift: „White Live Matters“ und die kleine Tochter trägt ein Schild mit der Aufschrift: „All Live Matters“ Viel mehr muss man eigentlich nicht sagen.


6 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Powergirl '45