Kann man einen hässlichen Hund lieben?

Ein Plädoyer für immanente innere Werte

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Vielleicht habt Ihr es schon gemerkt: Ich bin eine Hundemensch. Die Helden meiner Kindheit waren Rintintin und Lassie. Und spätestens seit meiner Rettungsaktion mit dem Schäferhund (vgl. meine Story „eine Fellnase, zwei Bikes und zwei Cops“), war es dann ganz um mein Herz geschehen. Flipper kam gleich nach Hunden, aber die Möglichkeiten einen Delphin mitten in Deutschland zu halten, sind doch etwas eingeschränkt.

Hunde lösten außerdem Ponys, als meine Wunschtiere ab. Es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis ich meinen ersten, eigenen Hund bekam. Zur Olympiade in München, den passenden Hund; einen Dackel namens Blacky. Blacky war zwar kein Collie, aber dem „Dackelblick“ kann kaum jemand widerstehen. Ich würde heute freilich nicht einfach so einen Hund kaufen, ohne nachzudenken, aber Blacky hatte es bei uns sehr gut. Leider hat sie sich meinen ältesten Bruder als ihren Lieblingsmenschen ausgesucht, und als er nach dem Studium auszog, ist sie freudig mit ihm gegangen und sie lebte ein langes und zufriedenes Hundeleben.

Später kam mein anderer Bruder eines Tages mit einem weißen Bullterrierwelpen nachhause. Es war der letzte Welpe im Wurf, relativ klein und keiner wollte ihn haben. Das hat das Herz meines Bruders gerührt und er konnte ihn einfach nicht zurücklassen.

Kennt ihr Bullterrier? Nach allgemeiner Einschätzung sind das keine schönen Hunde. Viele vergleichen ihr Aussehen mit dem eines Schweines, wobei ich das niemals verstehen konnte. Schweine haben auf ihrer Schnauze, ein tellerförmiges Ende mit den Nasenlöchern. Ich habe noch nie einen Bullterrier gesehen, der solch eine Nase gehabt hätte. Ich weiß, die Augen von Bullterriern sind klein und schlitzig und das in Kombination mit der ungewöhnlichen Kopfform (im Fachjargon „Downface“), macht sie nicht gerade zu Anwärtern von Schönheitswettbewerben.

Wie das aber so oft im Leben ist, passte der Charakter unseres „Derwisch“, nicht so recht zu seinem martialischen Aussehen. Als kleiner Welpe war er sowieso niedlich bis zur Schmerzgrenze. Auf seiner schwarzen Nase, hatte er einen pinkfarbenen Fleck, Spiegel genannt, der ihn für mich zu dem goldigsten Hund auf Gottes Erdboden machte. Das eindrucksvollste war jedoch sein liebevolles Wesen. Derwisch war ein besonders freundlicher Hund, der andere Hunde liebte und mit jedem Artgenossen sofort zu spielen begann. Und er liebte Kinder. Derwisch kannte kein Harm. Er war einfach ein Goldschatz.

Mit Derwisch spazieren zu gehen, glich jedoch einem Spießrutenlauf. Bullterrier waren Anfang der 70er Jahre eine relativ seltene Erscheinung. Und leider wurde die Rasse sehr häufig im Zusammenhang mit Beißunfällen und dem kriminellen Milieu genannt. Leider zog, die unbändige Kraft, die Schmerzunempfindlichkeit und die bedingungslose Treue dieser Hunde, sehr häufig die falschen Menschen an. Und wenn man damals auf einen Hundeplatz ging, traf man sehr häufig genau diesen Menschentypus. Mein damaliger Judotrainer, hatte auch zwei Bullterrier und lud uns auf seinen Hundeplatz ein. Da wir ihn als ordentlichen Menschen kannten, nahmen wir die Einladung an, allerdings nur einmal. Die erste Erfahrung Derwischs an diesem Ort war, dass man ihm das Ohr so massiv durchbiss, dass man monatelang hindurchschauen konnte. Damit war das Thema für uns erledigt und wir erzogen ihn nach unserer Methode – Liebe und Belohnung, kombiniert mit strikter Konsequenz.

Die Menschen, denen man beim Spazieren gehen begegnete, teilten sich üblicherweise in drei Gruppen:



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1. Da waren die, die vor Angst einen weiten Bogen um uns machten. Ich empfand das als Kind ziemlich töricht, denn es gab nichts Friedlicheres als unseren Derwisch.

2. Die zweite Gruppe war richtig unangenehm. Es waren die Leute, die meinen Hund als „Schweinehund“ und Schlimmeres beschimpften und manchmal auch sehr aggressiv wurden. Das tat mir wirklich weh, aber je mehr die Menschen auf Derwisch schimpften, umso mehr mochte ich dieses liebevolle Wesen mit dem ungewöhnlichen Aussehen.

3. Die dritte Gruppe waren Menschen, die unseren Hund liebten und vollkommen von ihm fasziniert waren.

Vielleicht wisst Ihr, dass sich Hunde gerne jemanden in der Familie aussuchen, dem sie sich besonders verbunden fühlten. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn ich derjenige gewesen wäre, aber Derwisch hatte jemand ganz anderen im Sinn.

Meine Großeltern waren quasi unsere Nachbarn und mein Opa hatte erst mit 73 Jahren sein Kapitänspatent abgegeben. Nun hatte er unendlich viel Zeit und das machte ihn ganz verrückt. Auch war er es gewohnt, morgens um fünf aufzustehen, und im Ruhestand, konnte er sich das nicht mehr abgewöhnen. Und deshalb machte er sich jeden Morgen um sechs auf den Weg mit dem Hund, kaufte unterwegs belegte Brötchen und eine Orange oder Banane und die beiden treuen Gesellen machten dann gemeinsam Frühstückspause an einem nahegelegenen Ziersee. Derwisch und mein Opa waren den morgendlichen Spaziergängern schon als Attraktion bekannt. Mein Opa packte die Brötchen aus, Derwisch sass neben ihm auf der Bank und dann verspeisten sie gemeinsam jeder ein belegtes Brötchen und danach teilten sie sich eine Orange, gelegentlich auch eine Banane.

Derwisch ist bis heute für mich der einzige Hund, den ich kenne, der Orangen gefressen hat.

Derwisch hatte eine absolute Leidenschaft, die ihn mehrfach fast das Leben gekostet hätte. Er liebte Bälle. Bälle in allen Variationen. Und wenn ein Ball ins Rollen kam, flitzte er hinterher und nichts konnte ihn mehr aufhalten. Man kann sich leicht vorstellen, dass das sehr schnell zur Gefahr werden kann, wenn eine Straße in der Nähe ist. Wir machten es uns also zur Angewohnheit, die Bälle in der Tasche zu lassen, bis wir an einer Stelle waren, wo weder Derwisch noch Fußgänger oder Radfahrer in Gefahr kamen. Einmal jagte er hinter einem Ball her und übersah dabei einen querfahrenden Radfahrer und krachte mit voller Wucht mit diesem zusammen. Nun sind Bullterrier relativ schmerzunempfindlich und nachdem er sich dreimal geschüttelt hatte, nahm er die Verfolgung des Balles wieder auf. Dem Radfahrer war zum Glück auch nichts passiert und konnte unbeschadet seinen Weg fortsetzen.

Dummerweise war Derwisch nicht nur verrückt darauf mit Bällen zu spielen, sondern er war auch ein perfekter Ball-Spürhund. Es verging kein Spaziergang, bei dem er nicht aus irgendeinem Gebüsch mit einem Ball herausgekommen wäre, den jemand dort versehentlich hingeworfen oder gekickt hatte.

Leider neigte er dazu, kleine Bälle zu verschlucken, und das endete jedes Mal mit einer Operation.

An einem Freitag im Januar 1979 verschluckte Derwisch wieder einen Ball und er musste operiert werden. Am darauffolgenden Sonntagmorgen fand ich Derwisch schwer atmend und mit sehr schnellem Pulsschlag in seinem Lieblingssessel in unserem Wohnzimmer. Es war elf Uhr und ich war alleine zuhause. Meine Mutter war unterwegs. Ich kann heute nicht mehr erinnern, weshalb sie fort und wo sie war.

Ich wählte verzweifelt die Nummer unseres Tierarztes. Dort lief jedoch nur ein Band, das die Telefonnummer des Tiernotarztes nannte. Ich rief dort schnell an. Der Notarzt ließ sich die Situation erklären, und meinte dann:“Ja, dann komm halt vorbei und ich schau‘ mal, ob ich noch etwas tun kann.“ Woraufhin ich erwiderte, dass ich alleine daheim sei und kein Auto hätte. Der Not-Tierarzt war im nächsten Ort und ich konnte Derwisch mit seinen rund 30kg nicht mehrere Kilometer schleppen. Auf meine Frage, ob er denn nicht schnell vorbei kommen könne, meinte er kurz und knapp nein und legte auf.

Inzwischen hatte sich Derwisch von seinem Sessel rutschen lassen und bewegte sich auf die Terrassentür zu und erbrach sich. Es kam grüngelblicher Schleim heraus. Ich warf mich auf den Boden und umschlang den Hund mit meinen Armen. Ich konnte genau spüren, wie sein Körper von Krämpfen geschüttelt wurde. Ich weinte nun hemmungslos und verzweifelt und ich betete, dass bald jemand nachhause käme, um mir beizustehen. Doch niemand kam. Und so bebte Derwisch in meinen Armen noch einige Male und dann wich das Leben aus seinen Augen. In diesem Augenblick brach mein Herz.

So blieb ich mit dem toten Derwisch in den Armen sitzen, bis meine Mutter wieder nachhause kam und uns beide in fester Umklammerung, an die Terrassentür vorfand. Sie musste mich fast von Derwisch losreißen. Meine Mutter versuchte mich, zu trösten, aber ich war untröstlich. Derwisch wurde nur sieben Jahre alt.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es bei Derwisch zu einem Multiorganversagen gekommen war. Wahrscheinlich hätte ihm der Notarzt auch nicht mehr helfen können. Dennoch verspüre ich heute noch die Wut auf ihn, während ich diese Worte schreibe.


Lilly, meine Dackeldame Copyright Olav Bouman


Zwischenzeitlich hatten wir einige Hunde und sie haben uns während unseres Lebensweges begleitet. Alle diese Hunde habe ich von Herzen geliebt. Und jedes Mal, wenn sie uns verlassen haben, hat es meinem Herzen ein weiteres Stück herausgebrochen. Aber es entstand auch jeweils ein Stück Liebe, die ich für immer für jeden von ihnen empfinden werde. Hunde sind für mich die besten Freunde und auch jetzt liegt neben mir ein Hund. Die bald 13jährige Dackeldame Lilly, die mich als ihre Bezugsperson ausgesucht hat. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt. Lilly ist auch der erste Hund, der nachts bei uns im Bett schlafen darf. Sie kam zu uns, kurz nachdem die Mutter meiner Frau gestorben ist. Und ja, sie hat uns den Verlust mit ihrer Liebe ein ganz klein wenig erleichtert. Vor einigen Wochen haben wir erfahren, dass sie an Blasenkrebs leidet. Wir wissen, dass sie uns bald verlassen muss und wir wissen, dass danach nichts mehr so sein wird wie zuvor. Es wird schwer werden, das kleine Körbchen neben meinem Schreibtisch zu sehen, wo sie stundenlang ausgeharrt hat, bis ich endlich damit fertig war, auf der Tastatur herumzuhacken.

In der Überschrift frage ich, ob man hässliche Hunde lieben kann? Kann man sie genauso lieben wie hübsche Hunde? Ich sage, ohne zu zögern, und sofort und voller Überzeugung: JA! Natürlich kann man hässliche Hunde lieben! Vielleicht liebt man hässliche Hunde ganz besonders, wenn man sie kennen gelernt hat. Derwischs Seele war so rein und ohne jegliche Hinterlist oder Bosheit. Er war mir ein treuer Freund und ich vermisse ihn bis heute schmerzhaft. Wie ich alle unsere Hunde vermisse. Was ist schon eine äußere Hülle, im Vergleich zu wahrer Liebe und Freundschaft?


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