Mein ältester Bruder (Song: These are the Time of our Lives, Queen)

Aktualisiert: Okt 1


Ich stand ganz oben an der Treppe des Kaufhofs in Ludwigshafen und blickte hinab in den Abgrund. Zumindest kam es mir als dreijährigem Knirps so vor wie ein Abgrund. Bisher hatte mich meine Mutter immer auf den Arm genommen, wenn wir eine so große Treppe überwinden mussten. Aber meine Mutter war nicht bei mir. Es war mein achtzehnjähriger Bruder, der hier oben mit mir an der Treppe stand.


Ich schaute ihn nun mit großen Augen fragend an und sagte “Kannst Du mich runter tragen?“ Er lächelte „Ach, ich glaube das schaffst Du schon, mit ein wenig Hilfe von mir“. Und schon schnappte er mich an der Hand und wir begannen die Treppe hinunterzusteigen. Erst ganz vorsichtig und dann immer forscher. Einmal knickte ich ein, aber er hatte mich fest an der Hand und fing mich auf. „Noch einmal, wir schaffen das schon“. Unten am Treppenabsatz angekommen, beugte er sich zu mir herunter „Siehst Du, das hast Du ganz phantastisch gemacht. Du kannst stolz sein“. Und das war ich auch, aber nicht nur auf meine Leistung, sondern auch darauf, dass ich einen so tollen großen Bruder hatte.


Er war 1948 in die Nachkriegszeit geboren worden. Keine einfache Zeit für ein Kind einerseits, andererseits aber auch ein großes Abenteuer. Und manchmal erzählte er mir von seinen Abenteuern in den Ruinen Mannheims und von seinen Streichen. Es war wie gesagt eine andere, viel härtere Zeit für Kinder. Auf die Gefühle der Kleinen nahmen die meisten Menschen keine Rücksicht. Kinder hatten einfach zu spuren. Unsere Familie war da deutlich sanfter, aber ausserhalb war das Kinderleben damals rau. Fremde Menschen hatten keine Hemmungen einem eine Ohrfeige oder einen Tritt in den Hintern zu verpassen, wenn man nervte oder nicht das tat was man sollte. Und Schläge in der Schule waren an der Tagesordnung. 1956 wurde mein zweiter Bruder in unsere Familie geboren, mit dem mich bis heute ein enges und freundschaftliches Verhältnis verbindet. Wir haben uns als Kinder immer viel gestritten, aber mit meiner Pubertät, wurde unser Verhältnis plötzlich viel enger und er hat mich vor vielen Dummheiten bewahrt. Das Verhältnis zu meinem zweiten Bruder ist anders als zu meinem ältesten Bruder, der spätestens nach dem Tod meines Vaters in gewisser Weise ein Vaterersatz wurde.


Er war es auch, der später dann wieder der erste Schüler in der Familie wurde, der das gleiche Gymnasium besuchte, wie unsere Vorfahren. Ein im 19ten Jahrhundert gegründetes Privatgymnasium, das nach dem Krieg mit neuem Namen wieder durchstartete. Auch ich habe meine gymnasiale Ausbildung dort erhalten, ebenso wie später mein Sohn. Meiner Tochter war das ein wenig zu verstaubt und wollte auf keinen Fall auf diese Schule.


In den 60ern wuchs er dann zum Teenager heran und lernte Schlagzeug spielen. Nach dem Abitur studierte er in Heidelberg Englisch und Französisch.



Doch zurück in meine Kleinkindzeit. Manchmal nahm er mich mit zu seinem Friseur. Ein ganz hipper Laden und der Besitzer war gleichzeitig auch Hobbyfotograf, der die wilden sechziger in den Klubs auf stylischen Fotos festhielt, die im Großformat die Wände des Salons zierten. Dann stiegen wir in seinen grünen englischen Sportwagen, im Sommer mit offenem Verdeck und brausten Richtung Innenstadt und die Leute drehten sich um und schauten uns nach. Etwas später wechselte er auf einen Porsche 914 Targa. Der kleine grüne Engländer, ein Triumph Spitfire in British Racing Green, war so oft in die Werkstatt gewesen, dass er den Spass daran verloren hatte. Der Porsche war übrigens das erste Auto in dem ich saß, das Sicherheitsgurte hatte und ich mich wie ein Rallyebeifahrer fühlte. Mein Bruder war ein Tausendsassa und soooo cool.



Er war auch in einem Karnevalverein aktiv und bei dem großen Umzug am Faschings-Sonntag, wurde ich in ein Offizierskostüm gesteckt und in den Kinderwagen gesetzt, den meine künstlerisch begabte Tante Helga, in eine Burg umgebaut hatte. Die spätere Frau meines Bruders schob mich dann im Umzug durch die Straßen Mannheims und ich winkte den Menschen zu, die auf mich zeigten. Zum Glück wusste niemand, dass ich fürchterlich Pipi musste. Ich sagte es meiner späteren Schwägerin und sie meinte „Lass es einfach laufen, Du hast eine Gummihose an – da passiert nichts“. Mir war das fürchterlich peinlich. Aber als ich am nächsten Tag in der Zeitung mein Bild sah, war das schnell vergessen und ich war mächtig stolz.


Als ich zwölf war, starb mein (Stief)Vater aus heiterem Himmel. Er hatte eine Hirnblutung erlitten und war von einem auf den anderen Tag nicht mehr da. Es waren meine beiden Brüder, die mich in der ersten Zeit auffingen. Und an die Stelle meines Vaters trat nun mein großer Bruder.


In der Folgezeit war ich nur schwer zu bändigen und ich wurde ein Schulrebell und machte so ziemlich alles, was man als junger Mensch nicht machen sollte. Wenn ich nicht einen unverrückbaren Rückhalt in meiner Familie und dann in meiner heutigen Frau gefunden hätte, hätte das schwer ins Auge gehen können. Aber nach einigen Jahren setzte sich das Gute in mir durch und ich kam wieder in die Spur. Heute weiß ich freilich, dass es nicht ungewöhnlich ist, auszuticken, wenn man seinen Vater gerade am Beginn der Pubertät verliert. Das ist etwas, was einem das ganze Leben begleitet.


Mit sechzehn setzte ich mir schließlich in den Kopf, dass ich Werbeexperte werden wollte. Ich hatte einen Film gesehen, indem ein junger Mann die Aufgabe erhielt, eine Werbekampagne zu entwickeln, ohne dass er wusste, um was für ein Produkt es sich handelte. Das fand ich so faszinierend, dass ich plötzlich wusste, das ist es, was ich später mal machen möchte.


Mein Bruder war damals Geschäftsführer eines Unternehmens das eine junge B-to-B-Agentur engagiert hatte. Und damit ich mir ein gutes Bild machen konnte, wie das Leben eines Werbers wirklich ist, hat er mir einen Gesprächstermin mit einem der Geschäftsführer der Agentur besorgt. Es war der junge Frank Merkel von der WOB, die später eine der führenden B-to-B-Agenturen Deutschlands wurde. Frank Merkel unterhielt sich mit mir zwei Stunden lang und gab mir eine lange Bücherliste mit Titeln von Werbeklassikern, wie „Werbung die ankommt“, „Flauschig weich, wird selbst die Leich“ und „Die Bekenntnisse eines Werbemannes“ vom Großmeister der Werbung, David Oglivy. Später war der Europachef von Ogilvy und persönliche Freund und enger Adlatus von David Ogilvy, Hans J. Lange, beim WWF mein Chef und Förderer.


Mein Bruder blieb immer mein Vorbild in Sachen Durchhaltevermögen und Erfolg. Von ihm lernte ich, dass es manchmal nicht so wichtig ist, das scheinbar objektiv richtige zu tun, sondern sein Ziel einfach nur konsequent zu verfolgen. Die gültigen Prämissen und Regeln zum richtigen Zeitpunkt zu brechen, ist eine wichtige Voraussetzung für Erfolg. Kaum eine große Veränderung, kaum eine wichtige Erfindung gäbe es, wenn ein genialer oder auch nur frecher Geist, die Regeln gebrochen hätte. Die Kunst ist es zu wissen wann, oder wenigstens ein Glückspilz zu sein.


Durch sein Beispiel habe ich auch, wenn auch ungewollt, gelernt, dass beruflicher Erfolg eben nicht alles ist. Mein Bild von ihm als Superheld, der scheinbar jede berufliche Sprosse mit Leichtigkeit nahm, bekam einen tiefen Kratzer, als er mit 48 Jahren einen sehr schweren Herzinfarkt erlitt. Das war ein Schock. Der Unbesiegbare, der immer jeden Wettstreit gewann, hatte seinen ersten Rückschlag erlitten. Dieses Erlebnis gab seiner Persönlichkeit eine ganz neue, eine deutlich weichere Seite und das gefiel mir eigentlich sehr gut, wenn es mich auch verwirrte.


Aber er wäre natürlich nicht er gewesen, wenn ihn das aufgehalten hätte. Nach der Rekonvaleszenz gab er seinen Job als angestellter Geschäftsführer auf und arbeitete fortan als freiberuflicher Unternehmensberater. Und innerhalb kurzer Zeit, war er auch in diesem Feld wieder gewohnt erfolgreich. Er hat aber nicht nur seinen Status als angestellter Top Manager verändert, sondern auch seine Lebensweise. Schon viele Jahre zuvor, hatte er sich ein Jugendstilhaus in einem kleinen Dorf im Périgord gekauft. Eine wahre Perle mit unzähligen Antiquitäten.



Wer das Périgord kennt, weiß, dass der Spruch "Leben wie Gott in Frankreich", hier sein Ideal gefunden hat. Eine Gegend die so unglaublich schön und geschichtsverbunden ist, dass man es kaum fassen kann. Nicht umsonst hat der Krimi-Autor Martin Walker, die Abenteuer seines "Inspektor Bruno" in diese Gegend hineingeschrieben, in der er selbst einen Teil des Jahres lebt. Das Dorf in seinen Romanen, Saint Denis, ist Wirklichkeit der Ort Le Bugue, was wiederum ein Nachbarort des Dorfes ist, in dem mein Bruder lebte.



Die vielen malerischen Städtchen und Dörfer in der Umgebung sind wie aus einem Geschichtsbuch gefallen und überall stößt man auf die Spuren der Tempelritter. Was wiederum Michael Crichton zu seinem Zeitreiseroman und Hollywoodfilm "Timeline" inspirierte.


Am liebsten mögen meine Frau und ich die vielen Märkte, mit den hausgemachten Produkten der Gegend: das Confit de Canard, die Rillettes, das fabelhafte, unübertroffen köstliche Walnussöl und das frische Gemüse. Freilich ist das Périgord auch die Landschaft der Gänse- und Entenleberpastete, die wir selbst aus unterschiedlichen Gründen verschmähen. Und natürlich sind die Trüffel der Gegend ebenfalls unübertroffen. Aber auch wer Fayencen, mundgeblasenes Glas und Antiquitäten mag, kommt hier voll auf seine Kosten.



Hier lebte also mein großer Bruder nun und tauchte in die hiesige Kultur ein. Sein Nachbar und Freund, war der ehemalige Steuerberater des Ortes und oft sassen die beiden bei einem lokalen Rouge Ordinaire zusammen und aßen ein paar Leckereien und tauschten sich über die unterschiedliche Lebensweise in Deutschland und im ländlichen Frankreich aus. Maurice konnte z.B. einfach nicht glauben, dass man in Deutschland eine Hundesteuer zahlen muss - das hielt er für so absurd, dass er darauf bestand, dass ihn mein Bruder veralbern wolle.


Das Haus selbst war eine alte Jugendstilvilla, mit einer kunstvoll geschnitzten, uralten Haustür mit verwitterten Messingbeschlägen. Das Gebäude wirkte schon ein wenig windschief, aber es hatte einfach einen unglaublichen Charakter und im Garten gab es nicht nur Frösche, sondern auch wilde Kaninchen und Schlangen, was unsere Kinder immer begeisterte, wenn wir ein paar Tage Urlaub in diesem kleinen, mittelalterlichen Ort machten. Die Veranda zur Straße hin war von herrlichem Flieder umgeben. Innen war es immer deutlich kühler als draußen, im heißen Sommerwetter im Juli oder August. Das Wohnzimmer wirkte dunkel, durch die antiken Massivholzmöbel, die kunstvoll mit Schnitzereien versehen waren. Der Boden war mit alten, orientalischen Teppichen ausgelegt und die Polstermöbel hatten Quasten und waren aus ehemals goldenem Samtstoff. Vor dem Elternschlafzimmerfenster stand ein großer Nussbaum, der ebenfalls Schatten spendete und das Bett war aus Kirschhholz und ebenfalls mit Messingbeschlägen verziert. Es hatte nur den Nachteil, dass es für die Menschen zu Beginn des 20ten Jahrhunderts gemacht und deshalb ziemlich kurz war. Manchmal fragte ich mich, wie viele Menschen in diesem Bett wohl schon gestorben waren? Ein prophetischer Gedanke. Die Wände vom Schlafzimmer und vom Kinderzimmer waren mit Tapeten aus den 1920er Jahren verziert und mein Bruder brachte es nicht übers Herz, diese wunderschönen, aber freilich schon abgewohnten, kleinen Kunstwerke zu ersetzen. Er liebte einfach den leicht morbiden Charme des Hauses und wollte es auch genauso erhalten.



Sein Lebensrhythmus war nun geprägt von 14 Tagen im Périgord, voller Ruhe und gutem Essen und Trinken und 14 Tagen in Deutschland bei seinen Klienten. Und mit der Zeit, er war schon ein fester Bestandteil des Dorflebens geworden, zog es ihn immer weniger nach Deutschland und schließlich beschloss er in naher Zukunft seinen Beruf als Unternehmensberater aufzugeben.


Um das zu realisieren, machte er die Fluglehrerausbildung für Leichtflugzeuge und gründete in einem Ort mit Flugplatz ganz in der Nähe, eine Flugschule. Im Sommer 2003 übernahm er die Vertretung eines deutschen Herstellers von Leichtflugzeugen und plante, ab Frühjahr 2004, deutsche Flugschüler im wunderschönen Périgord auszubilden und ihnen die Schönheiten der Gegend nahezubringen. Schnell hatte er eine kleine Anzahl von lokalen Kooperationspartnern gefunden, die mit ihm zusammen die Flugschüler touristisch und kulinarisch betreuen wollten.

Ende August haben wir noch einmal miteinander telefoniert und ich hörte seiner Stimme an, dass er glücklich und auf dem besten Weg war, seinen Lebenstraum zu erfüllen.


Am 12.September 2003 jedoch, klingelte bei uns das Telefon. Am Apparat war Maurice. Ich wunderte mich noch, warum er uns anrief, als ich seine Worte begann zu verstehen. „Olav, ich muss Dir eine schreckliche Nachricht überbringen - Dein lieber Bruder ist tot!“


Ich konnte es nicht fassen. Mein Bruder, für so viele Jahre mein Vaterersatz, Vorbild, Freund und Fels in der Brandung, sollte nicht mehr am Leben sein? Was war nur geschehen. Es dauerte eine Weile, bis ich es erfuhr.


Während der Abwesenheiten meines Bruders, schaute Maurice immer nach dem Rechten, was das Haus betraf. Er hatte auch einen Schlüssel für die uralte Holztür mit den Schnitzereien und den Beschlägen aus altem Messing. Maurice hatte sich gewundert, dass er meinen Bruder seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen hatte, jedoch die Fensterläden und eines der Fenster geöffnet waren. Er versuchte zuerst ihn telefonisch zu erreichen und als das nicht klappte, beschloss er hinüber zu gehen und nach meinem Bruder zu suchen.


Maurice schloss also die Tür des Hauses auf und schaute zuerst in der Küche und im Wohnzimmer nach. Niemand war zu sehen und auch auf das rufen, erhielt Maurice keine Antwort. Im Schlafzimmer schließlich fand er meinen Bruder. Er lag auf dem Bett und ohne Zweifel war er tot. Er hatte noch versucht seine Herzmedikamente auf dem Nachttisch zu erreichen, es aber nicht mehr geschafft. So starb er einsam und alleine aber zumindest in seinem geliebten Haus, 100 Meter entfernt von der Dordogne.


Im Nachhinein haben wir erfahren, dass bei seinem Herzinfarkt gleichzeitig auch ein Aneurysma in seinem Herzen festgestellt wurde und ihm klar war, dass dieses jederzeit und ohne Vorwarnung reißen könnte. Er hat nie irgendjemanden etwas davon erzählt.


Wir ließen den Leichnam vor Ort einäschern und verstreuten seine Asche in seinem Garten, dort wo er am glücklichsten war. Zuhause hielt ich eine Trauerfeier an unserem Familiengrab in Mannheim ab, bei der sich auch alle anderen die ihn kannten, im Geiste und der Gemeinschaft, verabschieden konnten.


Der Tod meines ältesten Bruders hat mich zutiefst getroffen. Noch heute plagt mich manchmal der Gedanke, dass er ganz alleine sterben musste. Und dann denke ich an die schönen Zeiten, die wir gemeinsam hatten. Und dass er dort starb und nun auch immer dort bleiben würde, wo er seine schönsten Zeiten verlebt hat. Mein großer Bruder wurde 55 Jahre alt.



Bilder: Copyright Adobe Stock & Bouman Familienarchiv


Queen, die Lieblingsband meines Bruders (und auch meine, selbstverständlich)


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