Powergirl '45

Aktualisiert: Aug 3




Meine Mutter war eine ungewöhnliche Frau. Insbesondere für ihre Zeit. Ich erlebte sie ja hauptsächlich in den 60er und 70er Jahren. Aber da war sie ja schon längst der Mensch, der durch seine Kindheit und Jugend geprägt worden war.

Ihre frühe Kindheit verlief ohne größere Vorkommnisse, wenn man davon absieht, dass sie und ihr Bruder an Diphtherie erkrankten, was beide fast ihr junges Leben gekostet hätte.

Und ebenso von der Erfahrung, dass eine ihrer Freundinnen, von einem Tag auf den anderen, mitsamt ihrer Familie verschwand. Die beiden spielten zusammen und manchmal nahm die Mutter ihrer Freundin die beiden mit in die Stadt, in ein schönes Café. Dort bekamen sie Torte und Kakao, alles sehr vornehm. Schon damals tuschelten die anderen Gäste und meine Mutter wunderte sich, warum sie so schauten.

Eines Tages war Ihre Freundin verschwunden

Eines Tages war ihre Freundin und ihre Familie verschwunden. Die Nachbarn erzählten, das nachts ein Auto kam und alle mitgenommen wurden. Sie hat sie nie wieder gesehen.

Als der Krieg begann, war meine Mutter 12 Jahre alt und die älteste von vier Geschwistern. Das bedeutete, dass sie sehr früh Verantwortung übernehmen musste und dass es vorbei war mit dem Traum, Tennisspielerin zu werden. Ihre Schulfreundin hatte sie in ihren Tennisclub auf der Parkinsel mitgenommen und nach anfänglichem Zögern, wollte sie unbedingt auch Tennis spielen.

Der Terror der nächtlichen Bombenangriffe

Als sie dann das zweite Mal ausgebombt wurden, wurden die Kinder in verschiedene Landesteile verschickt, um dem Terror der nächtlichen Bombenangriffe zu entgehen und alle kindlichen Träume zerbarsten. Es sind immer die Kinder und die Frauen, die im Krieg schwer zu leiden haben.


Friedliches Ostpreußen

Meine Mutter hatte Glück, sie wurde nach Ostpreußen geschickt zur Familie eines Landadligen, mit einem riesigen Gut. Dort konnte sie zwar kein Tennis spielen, aber sie lernte dafür reiten und genoss die Ausritte in die schöne Landschaft Ostpreußens.


Als die Front sich dann immer mehr nach Westen verschob, wurde sie zum österreichischen Zweig unserer Familie verfrachtet, der im Wiener ersten Bezirk lebte. Sie verliebte sich auf Anhieb in die Stadt an der Donau und hatte eine lebenslange Sehnsucht nach Wien.

Jeden Sonntag ging sie in die Messe im Stephansdom und zündete Kerzen für ihre Lieben an und betete, dass sie sie wohlbehalten wieder sehen würde.

Wien, Wien nur Du allein...

Als Teilhaber einer Firma in Wien bin ich öfters in der Stadt an der Donau und wann immer es möglich ist, besuchen meine Frau und ich den Stephansdom und zünden unsererseits Kerzen an und lassen uns im Kirchengestühl vor den Kerzen nieder und beten für unsere Lieben, die schon von uns gegangen sind. Dort fühle ich mich meiner Mutter immer sehr nahe und es kommt ein tiefes Gefühl von bittersüßer Wehmut auf.


Als klar wurde, dass Wien ein strategisches Ziel der Roten Armee war, beorderte meine Oma meine Mutter zurück und gab ihr den Auftrag, ihren jüngsten Bruder in Bayern aufzusammeln und mit nachhause zu bringen.

Ich denke, dass Menschen die diese Geschichten nicht aus erster Hand gehört haben, sich nicht vorstellen können, zu welchen übermenschlichen Leistungen Kinder fähig sind. Und vor allem können sie sich bestimmt nicht vorstellen, was es für ein Kind heißt eine solche Verantwortung übernehmen zu müssen.


Die Hölle des Krieges

Meine Mutter fand ihren kleinen Bruder an der genannten Adresse komplett verwahrlost vor und musste ihn erst einmal vom gröbsten Dreck und einer wilden, roten Mähne befreien, bevor sie sich auf den Weg in die Kurpfalz machen konnte.

Es war die Zeit des „Endkampfes“ und es war unglaublich schwierig, sichere Fahrgelegenheiten zu finden.

Eines Abends sassen die beiden im Zug, der an einem kleinen Bahnhof gehalten hatte. Die beiden waren müde und erschöpft. Meine Mutter schaute aus dem Fenster und sah am Ende des Bahnsteigs eine Frau wild gestikulierend gen Himmel zeigen. Meine Mutter erzählte mir diese Geschichte mehrmals und sie fragte sich selbst, was sie dazu veranlasste ihren kleinen Bruder sofort zu packen und mit ihm aus dem Zug zu springen. Die beiden hasteten zum Ende des Bahnsteigs und warfen sich dort hinter den Bahndamm. In diesem Moment brach auch schon die Hölle los.


Aus dem Himmel stießen amerikanische Tiefflieger herab, die mit ihren Maschinenkanonen wie wild auf den Personenzug schossen. Der Lärm muss infernalisch gewesen sein. Der Beschreibung nach, denke ich, dass es P-51 Mustangs gewesen waren, die bei diesem Angriff zum Einsatz kamen. Das Jagdflugzeug besaß zwei 12,7mm Geschütze, die unter den Passagieren des Zuges, die es nicht mehr ins Freie geschafft hatten, ein monströses Blutbad anrichteten. Die Menschen rannten in alle Richtungen und die Flieger nahmen einzelne Menschen ins Visier und mähten sie mit ihren Geschützen nieder – Männer, Frauen und Kinder.

Nachdem sich die Flieger verzogen hatten, wagten sich meine Mutter und ihr 8-jähriger Bruder nur zögerlich aus der Deckung und liefen langsam auf die Überreste des Zuges zu. Bei ihrem Abteil blieben sie stehen. Es war davon kaum etwas übriggeblieben und die beiden Sitze, auf denen sie gesessen hatten, waren von den Einschüssen der großkalibrigen Maschinenkanonen komplett zerfetzt.

Sie liefen weiter auf das demolierte Bahnhofsgebäude zu, als ihnen ein anderes Kind schreiend und eine Tasche fest umklammernd über den Weg lief. Meine Mutter versuchte, das Kind zu halten und zu beruhigen, aber es riss sich los, wobei die Tasche auf den Boden fiel und der Inhalt sich auf den Boden ergoss. Es war eine blutige Masse, die sich schließlich als menschliche Überreste herausstellten. Meine Mutter packte wieder meinen Onkel am Arm, der wie betäubt an der Stelle stand und auf die blutige starrte und riss ihn weiter.

Endlich wieder daheim

Nach mehreren Tagen erreichten sie endlich Ludwigshafen am Rhein, wo man sie nach der zweiten Ausbombung einquartiert hatte und wie durch ein Wunder waren alle Mitglieder der engeren Familie unversehrt geblieben.


Kurz darauf wurde meine Mutter als Flakhelferin zwangseingezogen. Sie wurde einer Einheit in Mannheim zugeteilt, die im Grunde komplett aus Kindern bestand. Meine Mutter war mit ihren 17 Jahren die älteste. Ich möchte den Horror der Bombennächte nicht weiter beschreiben. Jedenfalls befand sie sich nun direkt an einem Geschütz, das die feindlichen Bomber abschießen sollte, das aber dadurch zu einem operativen Ziel der Begleitflugzeuge wurde. Und die schossen mit ihren Bordwaffen und warfen Bomben auf diese Flakgeschütze.

Nach einigen Tagen, fand sie die Gelegenheit sich aus dem Staub zum machen und schlug sich zu einer ihrer Tanten durch. Dort versteckte sie sich bis die Amerikaner Mannheim einnahmen. Hätte man sie erwischt, wäre sie als Desserteurin an Ort und Stelle erschossen wurde.


Ich habe meine Mutter immer als absolut liebevoll erlebt. Sie hat für uns Kinder alles getan, was man sich überhaupt wünschen kann. Nachdem mein Vater gestorben war, meine Brüder waren deutlich älter, reiste sie mit mir durch halb Europa und die USA.


Sie ermöglichte mir längere Aufenthalte bei ihrer Schwester in Savannah und meiner dortigen Familie. Noch heute habe ich eine enge Beziehung zu meinen Verwandten dort, inzwischen in der dritten Generation und das Band habe ich inzwischen an meine Kinder weitergereicht.

Meine Mutter war für ihre Zeit eine extrem moderne Frau, durchsetzungsstark, selbstbewusst und unabhängig. Sie weitete meinen Geist, indem sie mir ihre Liebe zu Büchern vererbte und indem sie mich mit fremden Kulturen und den passenden Manieren vertraut machte. Ich konnte mit sechs Jahren Krawatten binden und wusste, welches Besteck man für was benutzte, wie man einen Flug bucht und in einem Hotel eincheckt.

Du kannst alles erreichen was Du willst. Aber überlege Dir gut was Du Dir wünschst!

Keinen meiner kindlichen und später jugendlichen Träume, qualifizierte sie jemals ab oder machte sich darüber lustig. Ihre Maxime war immer, dass man alles erreichen kann, was man möchte aber, dass die Erfüllung von Träumen, immer mit einem Preis einhergehen, den man bereit sein muss zu zahlen. Keinen monetären, sondern einen ideellen Preis. Deshalb wäge ich meine Wünsche und Ziele immer sehr genau ab und prüfe, was mich die Erfüllung emotional kostet. Ich glaube ein Hauptgrund, warum ich kaum etwas in meinem Leben bereue.

Meine Mutter hat mir viel beigebracht aber der Glaube an mich selbst, Loyalität und Liebe, sind die Werte, die wohl die wichtigsten für mein Leben waren.

Heute stelle ich mir die Frage, wie hat es diese Frau geschafft, sich ihre Menschlichkeit und Liebe zu bewahren? Warum ist sie über ihre grausam zerstörte Jugend nicht verzweifelt? Was hat sie dazu gebracht, ihren Geist weit offen zu halten, nachdem sie so viel Grausames erlebt hat? Und das was ich hier gerade beschrieben habe, kratzt nur leicht an der Oberfläche, was meine Mutter alles durchmachen musste. So wie viele Menschen ihrer Generation.


In ihren letzten Lebensjahren hatte meine Mutter das Glück, noch einmal einem Menschen zu begegnen, der sie liebte und ihr bis zum letzten Tag zu Seite stand.

Das macht mich froh.


Nun, über 32 Jahre nach ihrem Tod, beginne ich erst zu erkennen, wie sehr mich diese Frau geprägt hat und wie sehr mir ihr Rat und ihre bedingungslose Liebe fehlt. Aber sie hat mich als starken Menschen mit einem bisher unerschütterlichen Optimismus ins Leben geschickt.

Und manchmal, wenn ich doch denke, dass es nicht mehr weiter geht, erinnere ich an die Worte, die meine Mutter von ihrer Mutter gelernt hat und die sie dann an mich weiter reichte:


Nichts wir so heiß gegessen, wie es gekocht wird!


Der Lieblingssong meiner Mum




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