The Big Apple '77

Aktualisiert: Aug 3

Den vierten Juli 1977 verbrachte ich mit meiner Mutter in New York City. Wir waren zwei Tage e zuvor angekommen und hatten unser Pflichtprogramm schon hinter uns. Empire State Building, Rockefeller Plaza, Statue of Liberty, Corvettes, Gimbles und ein Besuch bei Sam Ash Music, dem legendären Gitarrenhändler der Rockstars in der 48th St, zwischen der 6th und 7th Avenue.


Dort wollte ich mir einen Traum erfüllen - eine schwarze Gibson Les Paul E-Gitarre. 350$ hatte ich zusammen gespart, um diese Black Beauty zu kaufen. Leider musste ich im Laden dann feststellen, dass der Preis des Instruments doch eher bei 3.500$ lag - unerreichbar für mich.

Der Big Apple von heute unterscheidet sich doch sehr von dem Moloch in den 70er Jahren. Der Sommer 1977 war der heißeste des Jahrhunderts und in den Straßenschluchten häufte sich der Müll. Wahrscheinlich hatte wieder einmal die Müllabfuhr gestreikt, der man damals eine enge Verbundenheit mit einer gewissen italienischen Organisation nachsagte. Der Geruch, der in diesen Hundstagen über Midtown hing, war eine olfaktorische Mischung aus Urin, Müll und Verwesung. Wir hatten uns gegenüber der Penn-Station eingemietet, I’m Statler Hilton, heute leider eine heruntergekommene 2-Sterne-Kaschemme namens Pennsylvania Hotel. Damals jedoch war es ein feines Hotel und während unseres Aufenthaltes, fand dort ein Treffen der Freimaurer statt, die alle einen Fez trugen mit dem Aufdruck des jeweiligen Tempels, dem der Träger angehörte. Für einen Jungen aus Deutschland war es ein kurioser Anblick hunderte von Männern in dunklen Anzügen und rotem Fez mit schwarzer Bommel zu sehen.

Am Abend des 4.Juli wollten wir uns das große Feuerwerk zum Independence Day anschauen. Im Jahr zuvor, hatten wir den 200tsten Unabhängigkeitstag, bei meiner Familie in Savannah in Georgia verbracht und das Feuerwerk dort war leider kein Knaller gewesen.


Ein Concierge im Hotel empfahl uns, das diesjährige, große New Yorker Feuerwerk, am besten von der George-Washington-Bridge aus zu beobachten.

Wir nahmen uns also am frühen Abend ein Taxi zur Brücke und schafften es irgendwie hinauf auf die oberste, zu diesem Anlass gesperrte, Fahrbahn der doppelstöckigen Brücke zu gelangen. Die Brücke liegt im Stadtviertel Washington-Heights, deutlich nördlich von Harlem und ist dort die wichtigste Verbindung von Manhattan nach New Jersey.

Washington-Heights wurde im frühen 20ten Jahrhundert vor allem von polnischen und ungarischen Einwanderern bewohnt. In den späten 30er Jahren kamen ungefähr 20.000 aus Nazideutschland geflüchtete Juden hinzu und prägten die Gegend bis in die späten 50er Jahre. Dann kamen Menschen aus Puerto Rico und später der Dominikanischen Republik hinzu. Heute wird die Gegend um den Fuß der Brücke Little-Domenican-Republic genannt und ist ein Touristentipp für Reisende, die kulinarische Erlebnisse suchen. Washington-Heights entwickelt sich heute wieder zu einer gesuchten Wohnlage, die noch bezahlbar ist. 1977 war das Viertel jedoch heruntergekommen und hatte eine der höchsten Mordraten in New York.

Die Brücke war an diesem Abend mindestens von 20-30.000 Anwohnern bevölkert, und meine Mutter und ich waren die einzigen Weißen in diesem stark alkoholisierten und bekifften Menschenpulk. Ehrlich gesagt war es uns nicht ganz wohl in unserer Haut und für die Menschen um uns herum, waren wir beide eine ziemliche Attraktion. Das Gedränge war unbeschreiblich und ständig brach irgendwo ein lautstarker Streit, zwischen jungen Burschen aus, der schnell in kurze Schlägereien ausartete, die aber von älteren Männern schnell unterbunden wurden. Von unter der Brücke schoss jemand mit Leuchtkugeln in die Höhe. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an den Trubel und letztlich hatten wir Spaß und die Leute um uns waren eigentlich ziemlich nett. Immerhin waren wir hier die „kulturfremden Eindringlinge“. Auf den Concierge, der uns diesen Aussichtspunkt empfohlen hatte, waren wir dennoch nicht gut zu sprechen.

Das Feuerwerk selbst war eher eine Enttäuschung. Es wurde an der Südspitze von Manhattan abgefeuert und somit konnten wir auf der Brücke, kaum weiter davon entfernt sein.

Als das Feuerwerk vorüber war, strömten die Menschenmassen von der Brücke. Wir wurden quasi mitgetragen und stießen zufällig auf vier weitere Deutsche, die sich ebenfalls hierher verlaufen hatten. Der gleiche Witzbold im Statler-Hilton hatte sie hierher geschickt. Es waren zwei Ehepaare, das eine etwas älter, Hiltrud und Richard, das jüngere Hartmut und Sieglinde.

Am Fuße der Brücke leerten sich die Straßen ziemlich schnell. Wir liefen die West-178th-Street Richtung Osten, in der Hoffnung auf Taxen zu stoßen, aber weit und breit war kein einziges Yellow-Cab in Sicht. Die Straße wurde immer dunkler und überall standen und lagen abgerissene Gestalten in den Ecken. Es roch unglaublich stark nach Urin und Exkrementen. Da wir uns zu sechst halbwegs sicher fühlten, beschlossen wir eine U-Bahn Station zu suchen und bald erreichten wir einen Subway-Eingang in die New Yorker Unterwelt.

Der Gestank wurde hier noch schlimmer und wir waren uns nicht sicher, ob wir diesen Katakomben lebend entkommen würden. Wir mussten durch unbeleuchtete lange Gänge gehen, in denen wiederum viele Menschen lagen, über die man zum Teil hinwegsteigen musste. Schließlich erreichten wir die Plattform in Richtung Süden und ein paar Minuten später, saßen wir in der Subway in Richtung Penn-Station.

Während der Fahrt stellten wir fest, dass wir alle Teilnehmer einer Reisegruppe waren, die am nächsten Tag mit einem Bus in Richtung Miami die Ostküste hinunter aufbrechen würde. Deshalb wohnten die vier anderen ebenfalls im Statler-Hilton.

Am nächsten Morgen, ganz früh, sassen wir dann im Bus und verließen den Big Apple. Die Reise sollte uns über Philadelphia, Washington DC, Charlotte, Savannah, St Augustine, Cape Canaveral und die River-Ranch (eine Working-Ranch, die Zimmer für Reisende hatten) bis nach Miami Beach bringen.

Es war eine bunte Truppe, aus Deutschen, Niederländern und Südafrikanern, die da die Ostküste entlang fuhr, und wir erlebten eine großartige Zeit.

Richard und Hiltrud, waren kinderlos geblieben und so nahm mich Richard ein wenig unter seine Fittiche. Wir spielten auf langen Streckenabschnitten Karten, während Hiltrud und meine Mutter plauderten und wenn wir abends im Hotel waren, besorgte er mir auch manchmal, verbotenerweise, einen Drink.


Unser Hotel in Miami Beach war das Ivanhoe Hotel, das dem Baseball Star Stan Musial gehörte und den Charme der 60er Jahre verströmte. Es lag an der Collins Avenue in Bal Harbour und es gefiel uns so sehr, dass wir unseren Aufenthalt, um eine Woche verlängerten. Die zweite Woche in New York, die wir für vor dem Rückflug nach Deutschland eingeplant hatten, verkürzten wir auf zwei Tage. Eine Entscheidung, die sich noch als schicksalhaft herausstellen sollte.

Denn am späten Abend des 13.7.1977 schaltete ich den Fernseher in unserem Hotelzimmer in Miami ein und es liefen „Breaking News“. In weiten Teilen von New York City war der Strom ausgefallen. Tausende Menschen sassen in Fahrstühlen fest, es gab massenhaft Unfälle und es kam zu schweren Plünderungen und schrecklichen Bränden. 25 Stunden dauerte es, bis das marode Stromnetz wieder in Betrieb genommen werden konnte. Die Nacht brannte sich den New Yorkern als die „Nacht des Terrors“ oder „die Nacht der Tiere ins Gedächtnis“. The Big

Apple verwandelte sich von einer Stadt, die unter einer unglaublich hohen Kriminalität litt, in eine Stadt der zeitweisen, absoluten Gesetzlosigkeit. Abe Beame, den Bürgermeister von New York, der anfangs noch scherzte, dass das passiert, wenn man seine Stromrechnung nicht bezahlt, kostete der Blackout die Wiederwahl.

Wer die Athmosphäre New Yorks in diesem Sommer erleben möchte, sollte sich die preisgekrönte Dokumentation „Lefty, Erinnerungen an einen Toten in Brooklyn“ von Max Rehbein anschauen (YouTubeLink unter dem Beitrag). Die Musik der Doku trat hernach einen Siegeszug um die Welt an. Die Musiker wurden unter dem Namen „Kraftwerk“ ein Musik-Exportschlager aus Deutschland, mit Titeln wie „Autobahn“, „Trans Europa Express“ und „Model“.

Und der Blackout gilt auch als der Nukleus der New Yorker DJ Szene. Besonderes Interesse bei den Plünderern fanden nämlich die Elektromärkte mit Musikequipment. Einige der späteren DJs sollen an diesen zwei Tagen die technische Grundlage für ihre späteren Karrieren als DJs und „Gangsta Rapper“ gelegt haben.

Als wir nach unserem Aufenthalt in Miami im Big Apple ankamen, waren die Aufräumarbeiten im vollen Gange. Aber auf dem Broadway konnte man noch die verkohlten Gebäudereste von den Bränden sehen.


In den vergangenen 44 Jahren war ich unzählige Male im Big Apple. Insbesondere in der Zeit nach der Säuberungsaktion von Rudi Guliani. Giuliani folgte der „Broken Windows Strategy“, die besagt, dass wenn in einer Gegend ein zerbrochenes Fenster nicht repariert wird, immer mehr Fenster zu Bruch gehen und die Gegend verslumt. Daraufhin hat er das NYPD, die New Yorker Polizeibehörde, massiv verstärkt und auch begonnen die geringsten Delikte, vergleichsweise drakonisch zu bestrafen.

Ich weiß, dass seine Strategie umstritten ist. Aber die Kriminalitätszahlen in New York City verringerten sich und gingen dann in den freien Fall über.

Die Zahl der Morde sank von 1981 rund 2.500 auf rund 300 im Jahr 2017. Der Central-Park, den man 1977 ab der Abenddämmerung nicht mehr ohne Gefahr für Leib und Leben betreten konnte, ist inzwischen ein sicherer Ort – Tag und Nacht. 927 Raubüberfälle und unzählige Vergewaltigungen und Morde geschahen dort pro Jahr in den 70er und 80er Jahren. Inzwischen sank die Zahl auf 17 im Jahr 2011.

New York City wurde zur sichersten Großstadt in den USA und zu einer der gepflegtesten (im Vergleich zu anderen US-Großstädten). Bei meinem letzten Besuch, dachte ich an meinen ersten längeren Aufenthalt im Big Apple zurück. Die Veränderung ist unglaublich. Sowohl was den Zustand der Gebäude und der Straßen betrifft, als auch dem subjektiven Sicherheitsgefühl.

Leider scheint sich das Blatt unter dem Bürgermeister Bill de Blasio wieder geändert zu haben. Die Kriminalitätsraten gehen seit seinem Amtsantritt wieder nach oben und 2020 stieg die Mordrate um 41%! Neben der Pandemie, dürften die harten Einschnitte beim NYPD der Grund für den Anstieg in 2020 gewesen sein. In der Pandemie zeigte sich auch, dass di Blasio nichts an der verheerenden Situation im Krankenhauswesen der Stadt geändert hat – genauso wenig wie seine Vorgänger. Wie fast jedes Jahr während der Grippewelle, mussten auch wegen COVID19 im Central-Park medizinische Behelfszelte aufgebaut werden.

Doch der Bürgermeisterwahlkampf steht vor der Tür und der Democrat Eric Adams, ein ehemaliger Polizist der Stadt, scheint die besten Chancen zu haben, den Amtsinhaber di Blasio, abzulösen. Damit wäre er der zweite farbige Bürgermeister des Big Apple. Erfahrung in der Führung einer Stadt, hat Adams als Bürgermeister des Stadtteils Brooklyn gemacht, der sich von einem schrecklichen Slum, zu einem beliebten, prosperierenden Wohnort in New York City entwickelt hat.


Als ich vor kurzem in einem Karton mit alten Bildern und Krimskrams stöberte, fand ich einen ovalen Anhänger aus Silber. Darauf eingraviert waren die Worte: Return to Tiffany & Co. Diesen Anhänger hatte mir meine Mutter in jenem Sommer 1977 im Stammhaus von Tiffany, gekauft. Genau dort, wo Audrey Hepburn im Film Breakfeast at Tiffany’s Ihr Hörnchen aß und ihren Coffee-to-Go trank. Ich musste dann an diese Tage in New York mit meiner Mutter denken. Und an die Zeit in Miami Beach. Und es kam in mir ein Gefühl der Wärme und der Dankbarkeit hoch, dass meine Mutter mir diese Erlebnisse als Teenager ermöglicht hat. An manchen Tagen vermisse ich sie selbst nach über 32 Jahren.

Man sagt, dass man New York nur lieben oder hassen kann. Für mich wird diese Stadt immer ein Teil meiner Erinnerung an meine Mutter sein, die diese Stadt liebte. Ich liebe den Big Apple auch, aber mehr als drei oder vier Tage, kann ich die Hektik dieser Stadt nicht ertragen.

Die Doku von Max Rehbein ist wirklich sehens- und auch wegen der Musik von Kraftwerk hörenswert. Hier ist der Link




Bilder: Adobe Stock, Bildarchiv Olav Bouman




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