Warum ich?

Aktualisiert: Aug 3


Wie ich lernte wieder ein Lebensgefühl zu spüren


Habt Ihr Euch die Frage auch schon einmal gestellt?


Seit meiner Kindheit träumte ich davon, mir irgendwann eine Harley Davidson Electra Glide zu kaufen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich dieses Motorrad das erste Mal in den USA gesehen habe. Es war ein blau-weißer Traum (s.o.), aus Stahl und Chrom. Das tollste jedoch war, dass darauf ein altes Paar saß. Und das war zu dieser Zeit für mich ziemlich ungewöhnlich, denn bei Motorrädern dachte ich immer an junge Menschen.

Ganz in unserer Nähe, hatte der erste offizielle Importeur dieser amerikanischen Motorradmarke seinen Laden und sobald meine Freunde und ich alt genug waren Mopeds und Kleinkrafträder zu fahren, waren wir regelmäßig in diesem Laden von dem legendären Harley Biker Erich Krafft. Dort standen sie, unsere materialisierten Träume auf zwei Rädern. Und wir staunten und träumten, träumten davon auf diesen Electra Glides, Sportstern oder Cafe Racern über die Landstraßen zu brausen, am besten mit einem schönen Mädchen auf dem Sozius.


Doch als ich alt genug war, fehlte mir erst das Geld, um meinen Traum zu erfüllen, und als die finanziellen Hindernisse aus dem Weg geräumt waren, wurde ich Familienvater. Und als junger Familienvater wollte ich verantwortungsbewusst handeln und verschob meinen Wunsch auf die Zeit, wenn ich mal im Ruhestand wäre.


Und als junger Familienvater wollte ich verantwortungsbewusst handeln und verschob meinen Wunsch auf die Zeit, wenn ich mal im Ruhestand wäre.

2012 ereilte mich dann jedoch eine schwere Krankheit und bald war ich auf den Rollstuhl angewiesen. Das ist der Moment, in dem man sich die Frage von oben stellt: Warum ich?

Nur bringt einem das Lamentieren nicht weiter und ich war schon immer der Meinung, das aufgeben nur etwas für Feiglinge ist. Also habe ich die Backen zusammen gekniffen und versucht, mir Stück für Stück eine gewisse Normalität zurückzuholen. Nur eins war von Anfang an klar: Der Traum von der Electra Glide war mit dem ausbrechen meiner Krankheit gestorben. Tatsächlich?

Ich möchte nicht ausführlich über meine Krankheit sprechen. Nur so viel: es ist eine Krankheit, die in Schüben die Gelenke zerstört und auch die Muskeln und Nerven schädigt. Das Ganze ist mit sehr starken Schmerzen verbunden, die immer da sind – 24/7. Mit einer mentalen Methode und natürlich vielen Medikamenten, halte ich die Schmerzen und die Krankheit halbwegs im Griff.


Das Leben verändert sich durch eine solche Krankheit komplett. Am Anfang verbrachte ich rund zwei Jahre nur noch liegend und ein weiteres Jahr benötigte ich, um wieder Autofahren zu können. Die körperlichen Probleme sind das eine, aber die mentalen Auswirkungen sind für viele Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, weit dramatischer. Wenn man nicht aufpasst, ereilt einem die Hoffnungslosigkeit. Dunkle Gedanken und die ultimative Sinnfrage, sind da naheliegend. Wenn man in solch einer Situation kein Optimist ist, wird es sehr schwer.


Mein Glück war und ist, dass ich ein unverbesserlicher Optimist bin, auch wenn diese Eigenschaft in solch einer Situation auf eine harte Probe gestellt wird. Und vor allem habe ich die beste Frau der Welt und die besten Kinder der Welt an meiner Seite. Ohne die Hilfe meiner engsten Familie hätte ich wahrscheinlich die Waffen strecken müssen. Was meine Frau für mich getan hat, kann ich in hundert Jahren nicht wieder zurückgeben. Sie hat mich nach über dreißig Jahren Ehe gelehrt, was wirkliche Liebe ist.


Sie hat mich nach über dreißig Jahren Ehe gelehrt, was wirkliche Liebe ist.

Es ist aber klar, dass man mit einer solchen Krankheit und Behinderung, vieles einfach nicht mehr tun kann. Schnell war klar, dass ich meinen Beruf als umtriebiger Unternehmer nur noch sehr eingeschränkt würde ausüben können. Die üblichen 10, 12 oder 16 Stunden Tage und die vielen Reisen in Deutschland, Europa und um die Welt, waren in dieser Form nicht mehr möglich. Ein paar Jahre konnte ich noch in sehr eingeschränkter Teilzeit tätig sein. Inzwischen musste ich mich jedoch vollständig aus dem operativen Geschäft zurückziehen.


Auch hier hatte ich das Glück, sehr gute Geschäftspartner zu haben, die mich unterstützt haben und denen ich vertrauensvoll das Ruder übergeben konnte. Auch das ist nicht selbstverständlich und ich bin dafür sehr dankbar! Außerdem hat sich gerade die zweite Generation meiner kleinen Familie entschlossen, ins Familiengeschäft einzusteigen und das macht mich glücklich.

Die Realität ist aber, dass man in solch einer Situation von vielen geliebten Dingen Abschied nehmen muss. So musste ich auch Abschied nehmen von meinem Traum, irgendwann einmal mit einer Harley Davidson Electra Glide über die Landstraßen zu cruisen.


“Oft denken wir, dass wir einen Lebenstraum nicht erreichen können. Manchmal hilft es den Traum aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und plötzlich ist die Lösung da!”

Irgendwann sah ich dann auf der Autobahn eine Harley Davidson Triglide, also eine Harley die auf dem alten Konzept der Service Bikes basiert. Service Bikes wurden in den früheren Jahrzehnten in den USA von der Post, Polizei und dem Militär eingesetzt. Die Idee war ein Bike mit einem „Kofferraum“ zu versehen und so auch größere Lasten befördern zu können.





Und seit diesem Moment ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Gäbe es vielleicht doch noch einen Weg meinen Traum von einer Harley zu erfüllen?

Da ich im Allgemeinen nicht sehr lange fackle, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, zog ich das darauf folgende Wochenende mit meiner Frau los, um dem Harley Händler meiner Kindheit einen Besuch abzustatten. Und tatsächlich hatte man dort eine Triglide in der Werkstatt stehen.


Die Hürde, die ich zu überwinden hatte: könnte ich es schaffen, mich alleine vom Rollstuhl, in den Sattel der Maschine zu ziehen? Nach wenigen Minuten war klar, dass ich das hinbekam. Eine Stunde später hatte ich den Kaufvertrag für meine erste Harley unterschrieben.


Warum schreibe ich das hier? Ganz einfach!


Ich möchte allen Menschen mit Behinderungen, Mut machen. Mut machen, nicht aufzugeben und zu versuchen sich einen lang gehegten Lebenstraum zu erfüllen. Das mag kein leichter Weg sein. Und manchmal wird man es nicht schaffen. Aber eins ist sicher, wenn man es nicht wenigstens versucht, hat man schon von vorne herein verloren. Manchmal muss man auch um eine oder mehrere Ecken herumdenken. Vielleicht muss man den Traum abwandeln (z.B. Trike statt Bike), aber gebt nicht auf. Auch mit vielen Einschränkungen, kann man ein gutes, glückliches und erfülltes Leben führen. Lebt Euren Traum!


Warum war es aber für mich so wichtig diesen Traum von der Harley zu erfüllen? Und warum hat mir das geholfen, wieder ein besseres Leben zu führen?



Vor diesem Projekt haderte ich immer noch mit meinem Leben im Rollstuhl. Zwar hatte ich wieder gelernt, Auto zu fahren und den Rollstuhl als mobilitätsfördernden Freund zu akzeptieren. Aber das hat lange gedauert und es blieb ein Rest an Wehmut. Ich konnte eben so vieles nicht mehr tun. Kein Golf mehr spielen, nicht mehr spazieren gehen und eben kein Zweirad mehr fahren.

Der Moment als ich das erste Mal auf meiner Harley losfuhr, erfüllte sich nicht nur mein Kindheitstraum, sondern ich spürte das erste Mal wieder das Leben in meinem Körper. Das Vibrieren des bärenstarken Motors, der sich steigernde Fahrtwind und das Gefühl, diese unbändige Kraft zu beherrschen, ließ mich wieder jede Faser meines seins spüren. Genau das war es, was ich über die Krankheit verloren hatte – das Körpergefühl. Zeitweise habe ich mich nur noch als Geistwesen empfunden. Ich lebte nur noch in meinem Kopf, war nur noch eine Sammlung meiner Gedanken. Meinen Körper empfand ich als eine Maschine, die nicht mehr zu mir gehörte. Wenn ich auf dem Trike sitze, den Naturgewalten ausgesetzt, empfinde ich nun wieder Körper und Geist als eine Einheit. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, das ich verloren glaubte.



Die Community der „handicapped Biker“ wächst langsam aber sicher. Wenn ich einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dann habe ich ein wichtiges Ziel erreicht.




Mein US Road Trip Song






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