Wenn ich tot bin, killere ich Dich nachts an den Füßen

Aktualisiert: Aug 17


Ehrlich gesagt muss ich heute immer ein wenig lächeln, wenn ich davon lese, dass in amerikanischen Universitäten Schutzbereiche eingerichtet werden, in denen Studenten sicher vor jeder Form von anderen Meinungen, vermeintlichen seelischen Verletzungen und Beleidigungen sind – also sicher vor dem realen Leben. Ich stelle mir dann immer die Frage, was passiert, wenn diese jungen Leute hinaus in die Welt gehen? In die Welt, die auf solche Befindlichkeiten selbstverständlich keine Rücksicht nimmt. Macht es wirklich Sinn, jungen Menschen vorzugaukeln, alle anderen Menschen würden Rücksicht auf ihre kleine Gefühlswelt nehmen?

Auch wenn meine Oma nach heutigen Maßstäben, vielleicht als grenzwertig in Bezug aufs Kindeswohl betrachtet werden würde, hätte ich mir keine bessere Oma wünschen können.

Sie wurde im Jahr 1909 als Tochter eines Ehepaars geboren, das Wein, Käse und andere Delikatessen aus Frankreich importierte. Kein Wunder, dass ich ein Gourmand geworden bin.

Sie hat hat zwei Weltkriege, eine große Inflation, mindestens eine Weltwirtschaftskrise, zwei Währungsreformen und den mühevollen Wiederaufbau nach dem bisher schlimmsten Krieg der Weltgeschichte mitgemacht.

Auf ihre Gefühle nahm in den 70 Jahren ihres Lebens fast niemand Rücksicht. Und dennoch war sie eine liebevolle Frau. Ich konnte hart mit ihr debattieren, aber niemals hätte das die grundsätzliche Beziehung oder Liebe zwischen uns in Frage gestellt.

Bei Oma (und Opa) zu sein, war ein Kindertraum. Alles, was ich bei meiner Mutter nicht tun durfte, war bei Oma erlaubt. Sie brachte mir bei, wie man mit Feuer umgeht, ein Taschenmesser und Feuerwerkskörper benutzt. Ich durfte alle Spielzeuge aus- aber brauchte sie nicht wieder einräumen. Sie ließ uns bedenkenlos auf Bäume klettern und erzählte uns wilde Geschichten über Streiche aus ihrer Jugend.



Oma war auch die kräftigste Frau, die mir je begegnet ist. In ihrer Jugend war sie Turnerin und Schwimmerin. Als Lockerungsübung durchquerte sie schwimmend den Rhein zwischen Mannheim und Ludwigshafen und wenn sie dabei gegen eine Wasserleiche stieß, dann gab sie ihr einen Schubs und schwamm weiter.

Sie war im Mannheimer Eis- und Rollschuhclub als Rollschuhfahrerin aktiv und gehörte zu den glühendsten Fans der lokalen Eishockey-Mannschaft (heute die Adler Mannheim). Und dennoch war sie für mich eine Kuscheloma, die so viel Liebe zu geben hatte. Sie erzählte mir spannende Geschichten aus den alten Zeiten und las mir abends vor.

Sie liebte Regen und Gewitter und wenn es im Sommer zu regnen begann, schickte sie uns Kinder hinaus „zum abkühlen“. Und wenn es ein Gewitter gab, besonders abendliche Gewitter, dann freute sie sich und wir lehnten uns gemeinsam auf die Fensterbank, um das Gewitter zu „genießen“. Sie und ich, freuten uns ganz besonders über nahe und helle Blitze in und wenn der Donner besonders laut schepperte.

Als junge Mutter wurde sie schwer krank. Sie zog sich eine Herzbeutelentzündung zu, die zu jener Zeit nur leidlich gut behandelt wurde. Dadurch wurde sie zeitlebens herzkrank und deshalb wurde sie auch nicht besonders alt. Aber sie sorgte dafür, dass ihre Kinder wiederum alle liebevolle Eltern und im Leben erfolgreich wurden. Und sie verwöhnte ihre Enkel.

Eine Marotte hatte sie allerdings, die uns Enkeln ein wenig Angst einjagte. Sie war eine Liebhaberin gruseliger Geschichten und Moritaten. Moritaten waren Lieder, die in alten Zeiten von fahrenden Musikanten vorgetragen wurden und irgendwelche „moralisch wertvolle“ Geschichten erzählten.



Der Sänger deutete dazu auf große bemalte Tafeln, auf denen die Geschichte bildlich dargestellt wurde.

Oft handelten die Lieder von kleinen Kindern, die Vater und Mutter verloren hatten und ein trauriges Leben als Waisen leben mussten. Oder von Räubern, die junge Mädchen töteten und ähnliche grausame Geschichte.

Wenn sie mich zu Bett brachte, bettelte ich so lange, bis sie sich noch zu mir legte, bis ich eingeschlafen war. Ich wollte dann immer eine Moritat hören oder das „Mamatschie“ Lied. Hier ist der Text:

Es war einmal ein kleines Bübchen

Das bettelte so wundersüß

Mamatschi schenke mir ein Pferdchen

Ein Pferdchen wär mein Paradies

Darauf bekam der kleine Mann

Ein Schimmelpaar aus Marzipan

Die sieht er an, er weint und spricht

Solche Pferde wollt ich nicht

Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen

Ein Pferdchen wär mein Paradies

Mamatschi, solche Pferde wollt ich nicht

Die Zeit verging, der Knabe wünschte

Vom Weihnachtsmann nichts als ein Pferd

Da kam das Christkind eingeflogen

Und schenkte ihm was er begehrt

Auf einem Tische stehen stolz

Vier Pferde aus lakiertem Holz

Die sieht er an, er weint und spricht

Solche Pferde wollt ich nicht

Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen

Ein Pferdchen wär mein Paradies

Mamatschi, solche Pferde wollt ich nicht

Und es vergingen viele Jahre

Und aus dem Knaben ward ein Mann

Da eines Tages vor dem Tore

Da hielt ein herrliches Gespann

Vor einer bunten Kutsche standen

Vier Pferde, reich geschmückt und schön

Die holten ihm sein liebes Mütterlein

Da fiel ihm seine Jugend ein

Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen

Ein Pferdchen wär mein Paradies

Mamatschi, Trauerpferde wollt ich nicht

Danach sollte ich dann schlafen, was mir häufig schwer viel. Manchmal schlief sie dann vor mir ein und schnarchte laut. Was einerseits lustig war, mich aber andererseits auch wach hielt.

Wenn sie an einem Tag den Schalk ganz besonders im Nacken spürte, verstummte das Schnarchen nach einer Weile. Dann hörte ich gespannt in die Stille. Ich versuchte, ihren Atem zu hören, aber da war kein Atem mehr. Ich stupste sie dann leicht – keine Reaktion. „Oma“ sagte ich erst leise. Keine Antwort. Dann, immer lauter werdend, sagte ich verzweifelt „Oma lebst Du noch?“ Ich wurde immer aufgeregter, bis ich irgendwann zu weinen begann. Dann setzte sie sich abrupt auf und lachte schallend. Wieder hatte sich mich erwischt, mit ihrem Totstell-Streich. Sie nahm mich dann in den Arm und tröstete mich, nicht ohne zu mir zu sagen „wenn ich mal tot bin, dann komme ich nachts zu Dir und wenn Deine Füßchen unter der Bettdecke hervorlugen, dann killerere ich Dich an den Fußsohlen“ Dann lachte sie noch mehr und drückte mich fest an sich.

Im Februar 1979 starb meine Oma, kurz nach ihrem 70ten Geburtstag. Einer der schwärzesten Tage in meinem Leben. Und noch heute achte ich darauf, dass meine Füße nachts immer gut zugedeckt sind. Oma, ich werde Dich immer lieben.

Wenn ich als Kind etwas wollte, hat man mir gerne dieses Lied gesungen

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