Zuhause ist es am schönsten!?(Song: Home again, Carole King)

Aktualisiert: Okt 1


Vor kurzem habe ich gelesen, dass es vielen Menschen schwerfällt, nach der langen Zeit im Homeoffice, wieder an den üblichen Arbeitsplatz zurückzukehren. Sie haben sich an den Rhythmus im Homeoffice gewöhnt. Morgens kein Stress im Bad und die ewige Frage was man heute anziehen soll – einfach in den Jogginganzug schlüpfen und ab an den Computer. Anfangs hat man sich für Zoomkonferenzen noch top durchgestylt, inzwischen reicht ein wenig Updressing über der Gürtellinie.

Doch warum ist das so – sind wir keine sozialen Wesen, die unbedingt den täglichen Kontakt mit möglichst vielen anderen Menschen brauchen?

Mit dem Beginn der industriellen Revolution veränderte sich auch die Arbeitswelt. Lebten in der Zeit davor die meisten Menschen noch in ländlichen Gegenden, wuchsen nun die Städte in ungekanntem Maße, da dort Lohnarbeit entstand und dadurch ein gewisses Maß an Wohlstand versprochen wurde.

Zuvor arbeiteten die Menschen zuhause oder ganz in der Nähe zu dem Fleck, wo sie wohnten. Und oft arbeitete die ganze Familie zusammen und war nicht für die Arbeitszeit getrennt. Daheim zu arbeiten, war also über Jahrtausende der Normalfall und passte hervorragend zum Sozialverhalten des Menschen.

Mit der Entstehung von Fabriken und der Konzentration der Arbeitskräfte in Städten, veränderte sich dieses Gefüge, innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums. Der Wohlstand für die Massen blieb jedoch erst einmal aus. Im Gegenteil, es entstand das Proletariat der Arbeiter auf der einen Seite und die Klasse der Fabrikanten auf der anderen. Das ging, wie wir wissen, nicht ohne massive Friktionen ab.

Eindeutig war diese Form der Arbeitsorganisation an den Notwendigkeiten einer arbeitsteiligen Gesellschaft orientiert und nicht an den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen und ihrer Familien. Vor der industriellen Revolution waren die Tage nach dem Tageslicht und den Bedürfnissen der Menschen strukturiert und nun musste sich der Mensch an einer unnatürlichen Form der Zeiteinteilung ausrichten.

Doch kommen wir zurück in die Gegenwart. Wer erinnert sich nicht an den Beginn des Lockdowns und wie schwer es vielen von uns gefallen ist, sich an die Arbeit daheim zu gewöhnen. Besonders, wenn es keinen adäquaten Raum gab, den man verschließen und an dem man „ungestört“ arbeiten konnte. Andere haben sich schnell an diese eigentlich angenehme Art des Arbeitens gewöhnt.

Für mich selbst war es ein lang gehegter Traum, von zuhause aus zu arbeiten. Und so genoss ich es in vollen Zügen, als ich mich 2008 selbstständig machte und mir ein Büro daheim einrichtete. Damals lebten unsere Kinder noch bei uns und ich fand es grandios, dass ich sie nun ständig um mich hatte.

Vor dieser Zeit brachte ich es bis auf über 180 Hotelübernachtungen und auf bis zu über 300.000 Flugmeilen pro Jahr. Und das als absoluter Familienmensch. Meine Frau und meine Kinder bedeuten mir alles und nicht nur sie, sondern auch ich habe immer unter diesen Lebensbedingungen gelitten. Aber Erfolg entschädigt ja für so vieles – dachte und empfand ich das damals. Das ist aber ein gewaltiger Trugschluss und irgendwann bezahlt man irgendwie für solch eine Lebensweise den vollen Preis.

Ich will hier nicht auf meine Krankheit und meine Behinderung eingehen, aber letztlich war das für mich die Notbremse, die mein Körper zog. Etwas spät und vor allem etwas radikal, aber dennoch sehr effektiv. Und wenn es am Anfang wirklich schwer war, den neuen Rhythmus und die neue Arbeitsorganisation zu akzeptieren, so war es doch notwendig und heute bin ich darüber glücklich.

Ich bin den Schritt ins Arbeiten von zuhause also deutlich vor dem Lockdown gegangen. Dennoch veränderte der Lockdown dann doch noch einmal alles. Denn nun mussten auch die anderen von daheim aus arbeiten und Zoom-Gespräche und Zoom-Konferenzen wurden zu etwas ganz Normalen.

Und mit fortschreitender Zeit haben immer mehr Menschen gemerkt, dass diese Art zu arbeiten nicht nur berufliche und arbeitsorganisatorische Vorteile hat, sondern viel eher dem natürlichen Wesen vieler Menschen entspricht, als sich morgens in den Stress des täglichen Berufsverkehrs zu stürzen. Viele wollen es nicht mehr anders. Sie haben keine Lust stundenlang in Autos oder Bussen und Bahnen zu verbringen und so wertvolle Lebenszeit zu opfern.

Und für viele stellte sich irgendwann auch die Frage, ob der bisherige Beruf, die bisherige Art der Lebensführung die richtige für das weitere Leben ist?

Ich lese inzwischen wieder immer häufiger von „Experten“, die warnen, dass es ein Holzweg sei, sich beruflich an den eigenen Wünschen auszurichten. Es wäre ein Trugschluss, einen Beruf anzustreben, der den eigenen Interessen entsprechen würde und deshalb glücklich mache. Ich halte das für ausgemachten Schwachsinn und intentionsgetrieben. Offensichtlich wollen diese „Fachleute“ die Menschen wieder disziplinieren, damit sie sich weiter in selbstaufopfernde Abhängigkeiten begeben.

Als ich den Plan fasste, mich selbstständig zu machen, versuchte das für mich zuständige Aufsichtsratsmitglied, mich zu überreden, zu bleiben. Als er jedoch merkte, dass ich fest entschlossen war, meine Selbstständigkeit durchzuziehen, sah er mich lange schweigend an und sagte dann: „Lieber Herr Bouman, das was Sie jetzt beginnen ist die höchste Form der Freiheit, die ein Mensch in unserer Zeit erreichen kann.“

Ich bereue keine meiner beruflichen Stationen und ich habe jedes Mal eine Unmenge Wissen und Erfahrung aufgesogen. Aber in dem Satz meines Aufsichtsratsmitglieds war mehr Wahrheit, als ich mir damals hätte träumen lassen.

Dabei ging es mir nicht in erster Linie um Geld, ich habe am Anfang meiner Selbstständigkeit deutlich weniger verdient, als in meiner Angestelltenzeit. Für mich war es die freie Zeiteinteilung und keine Zeit mehr auf dem Arbeitsweg zu verplempern – also wieder der Herr über meine Zeit zu werden. Deshalb wollte ich auch lange Zeit nicht, dass mein Unternehmen zu sehr wächst. Und als es nicht mehr zu vermeiden war zu wachsen, war es mir wichtig, ein eher virtuelles Unternehmen zu gestalten und allen Mitarbeitern die Möglichkeit zu bieten, entweder ins Büro zu kommen oder von jedem anderen Ort aus zu arbeiten – lange, lange vor Covid.

Also kann ich es gut verstehen, dass viele Menschen, die neu gewonnene Freiheit im Homeoffice, nicht mehr missen wollen. Für mich sticht auch das Argument nicht, dass man am Arbeitsplatz andere Menschen trifft. Für mich wäre es ein schlechtes Zeichen, wenn ich nur am Arbeitsplatz soziale Kontakte hätte und ich ansonsten vereinsamen würde. Aber ich kann auch verstehen, dass viele Menschen gerne Beruf und Privatleben strikt trennen möchten.

Aus gesellschaftlicher Sicht stehen wir am Beginn einer neuen Ära. Das kann man gut oder weniger gut finden. Nur wird die Einstellung des Einzelnen dazu, im Normalfall nicht viel an der Entwicklung verändern.

Die Arbeitswelt wird sich in den kommenden Jahren massiv verändern. Alleine die Robotik und KI werden unsere Arbeitswelt in ungeahntem Masse umkrempeln. Viele Berufsfelder werden komplett verschwinden. Andere werden sich sehr stark verändern und letztlich wird es wahrscheinlich nicht mehr genug Arbeit für 80 Millionen Menschen in Deutschland geben. Und in den anderen Ländern dieser Welt sieht das nicht anders aus. Deshalb ist es vielleicht nicht verkehrt, sich schon jetzt auf eine andere Art zu arbeiten oder sogar auf eine andere Art zu leben, einzustellen. Eine Art, die sich mehr am persönlichen Umfeld und nicht mehr so sehr am Beruf orientiert.

Genau in diese Richtung gehen ja auch die Überlegungen des bedingungslosen Grundeinkommens. Für die Grundbedürfnisse muss man dann nicht mehr arbeiten. Wenn man mehr möchte, kann man zusätzlich arbeiten oder sich mit Dingen beschäftigen, die einem selbst oder der Gesellschaft nützen.

Egal wie sich die Gesellschaft entwickeln wird, zurück in die alte Arbeitswelt wird es nicht mehr gehen. Ich selbst bin mit dem Rückzug aus dem operativen Geschäft meiner Unternehmen, schon den Weg in ein neues Leben gegangen. Ein Leben, das mehr von meinen persönlichen Bedürfnissen und meinen kreativen Schaffenswillen geprägt ist. Dazu haben meine Frau und ich noch einmal einen radikalen Schritt gewagt und unser gewohntes Umfeld verlassen. Das Homeoffice gehört zu diesem neuen Lebenskonzept dazu.


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